8. Mai 2021 Tag der Befreiung in Burg

Schliesing wehrte sich gegen die Forderungen, einen Schlussstrich unter das Kapitel Nationalsozialismus zu ziehen. „Wer das will, verdrängt, dass der Faschismus nicht in einem neuen Gewand auftaucht, sondern nie verschwunden war.” Er, Jahrgang 83, wisse nicht, wie es ist, Hunger zu haben, Angst zu haben, verfolgt, verhört, vergast zu werden. „Es darf nie wieder so werden wie früher“, stellte er klar. Der Tag der Befreiung sei ein Aufatmen gewesen, doch sei das Paradies selten von Dauer. 

Volksstimme, Thomas Pusch, 08.05.2021

Meine Rede zum 8. Mai zum Tag der Befreiung im Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges auf den Soldatenfriedhof in Burg.

(c) Birgit Kiel, 2021

Liebe Anwesende, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für Frieden in der Welt, Solidartität und Mitmenschlichkeit,

Sagt Nein zum Krieg! Sagt Nein zum Faschismus! Sagt Nein zu Rassismus und Diskriminierung! Und Sagt Ja zum Frieden und zu solidarischem Zusammenhalt!

Wir gedenken heute jener Menschen, die den 8. Mai 1945 nicht erleben durften. Wir gedenken heute jenen Menschen, die dem systematischen Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind, jenen, die im Kriegsgeschehen ihr Leben lassen mussten, jenen, die in ihrem unerbitterlichen Widerstand gegen den Faschismus verfolgt und ermordet wurden, jenen die aufgrund ihrer Identität ausgegrenzt und verachtet, drangsaliert, gefoltert, deportiert und vernichtet wurden. Jenen, die ausradiert werden sollten aus einer ideologisch zurechtgezimmertern 1000-jähirgen deutschen Geschichte.

6.3 Millionen Jüdinnen und Juden, 24 Millionen sowjetische Bürger, davon 14.25 Millionen Zivilisten, 3 Millionen sowjewtische Kriegsgefangene, 250.000 Sinti und Roma, 250.000 Menschen mit Behinderungen, 1.900 Zeugen Jehovas, 70.000 Wiederholungskriminelle und „Asoziale“, 10.000 Homosexuelle, 1.75 Millionen Zivilisten in diesem Land, haben den Tag, der sich heute zum 76. Mal jährt nicht überlebt. All jenen gedenken wir heute. Und 5 Millionen deutschen Soldaten – es fällt mir schwer diese Zahl unkommentiert zu lassen, ich kann nicht einfach behaupten, dass jene, die im Namen des Nationalsozialismus den Krieg in die Welt trugen, fehlgeleitet, charakterschwach, sadistisch und voller Todessehnsucht waren und dies als Rechtfertigung für ihre Taten gelten lassen oder dass sie aus purem Überlebensinstinkt zu Mitläufern wurden. Andere haben sich aus dem gleichen Überlebensinstinkt für den Widerstand entschieden – im Wissen, dafür zu sterben. Sie haben gewählt. Das gilt auch für jene, die den Terror mitgetragen haben. Auch sie haben gewählt. Und auch sie haben ihr Leben verloren. Was ich sagen kann, ist, dass diese 5 Millionen Soldaten auf die eine oder andere Art dem Faschismus zum Opfer gefallen sind. Wir gedenken den insesamt über 70 Millionen Toten, die der weltweite Krieg zu verantworten hatte. Die der Faschismus, die der deutsche Nationalsozialismus zu verantworten hat. Und jeden Tag aufs Neue müssen wir darum ringen Worte für das Unausprechliche zu finden.

Der nationalsozialistische Terror dauerte zwölf Jahre. Aber wer behauptet, diese 12 Jahre wären ein Vogelschiss auf unsere 1000-jährige Geschichte, dessen Verachtung ist ebenso kaum in Worte zu fassen. Der Vergleich hinkt wie der Teufel. Was 12 Jahre anrichten können, lehrt uns die Geschichte. Was allein ein Jahr anrichten kann, lehrt uns die Gegenwart. Und sie lehrt uns noch etwas: wer im Zuge der Corona-Maßnahmen sich mit den Widerstandskämpfern der Weißen Rose vergleicht, hat den Terror nach 1933 und den Krieg entweder nicht erlebt oder hat im Unterricht geschlafen oder hatte wie ich Lehrer, die uns das Geschichsbuch einfach vorgelesen ließen. Wenn Bundespräsident a.D. Joachim Gauck sagt, man müsse damit aufhören den jungen Generationen Schuldgefühle und die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis zu „implementeren“, dann kann ich nur erwidern, wenn sich eine junge Frau, die sich in ihrem Corona-Kampf fühlt wie Sophie Scholl – die, wäre sie am Leben morgen 100 Jahre alt geworden wäre -, dann hat sie das Thema sicher im Unterricht durchgenommen, verstanden hat sie es aber nicht. Wissen allein bedeutet eben noch lange nicht, dass man gefeit ist vor Ignoranz. Vielleicht braucht es eben doch auch ein wenig Schamgefühl, damit wir uns der tatsächlichen Schrecken bewusst bleiben.

Die Geschichte wird von Siegern geschrieben, heißt es. Indem diejenigen aber, die gern das geschichsträchtige Auge nur auf die eigenen Verluste lenken wollen, Geschichte relativieren, die Verantwortungslast von deutschen Schultern nehmen, einen Schlussstrich ziehen wollen, verdrängen sie ganz bewusst, dass der Faschismus heute nicht einfach in neuem Gewand wieder aufkeimt, sondern, dass er nie wirklich verschwunden war. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich alte Nazis wie neue Faschisten die Wunden geleckt und zu neuer Stärke gefunden und die Gegenwart macht es ihnen jeden Tag ein Stück leichter in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen.

Wir begehen heute am 8. Mai den Tag der Befreiung. Die Befreiung vom Nationalsozialismus, die Befreiung vom Krieg. Die Befreiung von Verfolgung, von Ausgrenzung, von Massenmord. Ich – der ich 1983 geboren bin – lebe heute in Freiheit. Ich habe nie erfahren müssen, wie es ist Hunger zu haben, wie es ist, mich verstecken zu müssen, wie es ist, mit an zu sehen, wie Freunde wie Vieh in Züge gefercht werden, die sie weiß Gott wohin bringen. Und ich weiß nicht, wie es ist, wie sich die Ohnmacht anfühlen muss, natürlich darum zu wissen, dass ihre Endstation für sie bedeutet, zur Endstadtion ihres Lebens zu fahren, ich weiß nicht wie es ist, wenn die eignen Eltern in die Gaskammer gehen und nicht wieder kommen werden. Ich lebe nicht in ständiger Angst Verfolgt, Verhört, Vergast zu werden. Diese Freiheit ist das größte Geschenk meines Lebens. Und so viele Menschen auf der Welt sind auch heute noch weit davon entfernt, sie kämpfen ums Überleben, Freiheit ist für sie noch immer reine Sehnsucht. Für diese Freiheit dankbar zu sein, ist das Mindeste, aber das Wichtigste ist, es darf nie wieder so werden wie früher. Diese gewonnene und bitter erkämpfte Freiheit, für die so sinnlos viele Menschen ihr Leben lassen mussten, ist auch an eine Pflicht gekoppelt. Die Pflicht, die Gegenwart wachsam zu beobachten und so zu gestalten, dass Vergangenes sich nicht wiederholt. Das sind wir all jenen schuldig, die ihr Leben haben geben müssen. Freiheit bedeutet für mich auch, sich selbst zu befreien. Frei im Denken zu sein. Aber von freiem Denken sind wir noch weit entfernt. Und ich rede nicht davon, was Querdenker und AfD meinen, ich meine auch nicht Cancel-Culture. Ich meine, dass wir uns selbst befreien müssen von den tief in uns verankerten Vorurteilen, von mit der Muttermilch aufgesogenen und durch die Gesellschaft anerzogenen Ressentiments, derer wir uns oft selbst nicht mal bewusst sind. Die Engstirnigkeit, die auf Leistung und Nützlichkeit ausgerichtete Forderung unserer Alltagswirklichkeit, das Denken in Effizienz, das eben doch in Nützlich und Nichtnützlich unterscheidet, dass eben doch wertet, was für eine auf Wirtschaftlichkeit orientierte Gesellschaft wertvoll ist und was nicht. Dieser reine Nützlichkeitsgedanke ist die Katastrophe. Er raubt uns unsere Lebensgrundlage. Er macht Gräben auf. Er trennt in Verlierer und Gewinner und zieht dabei die Grenze immer weniger auf sozialer umso mehr auf nationaler Ebene.

Der Tag der Befreiung war ein Aufatmen, war eine Erlösung. Aber das Paradies ist selten von Dauer. Wir müssen uns solidarisieren. Und das geht nur, wenn wir Vorurteile entlarven, wenn wir Ängste und Mauern abbauen, wenn wir unsere Sprache abrüsten, wenn Kriegen im Kopf und Kriegen auf den Schauplätzen der Welt ein Ende gemacht wird, wenn alle Menschen – ob sie nun der Norm entsprechen oder nicht – ihr gleiches Recht uneingeschränkt geltend machen dürfen. Wenn wir einen Schritt hiner uns treten, hinter das gierige Ego, oder uns wie Georg Büchners Prinz Leonce, einfach mal selber auf den Kopf schauen, nicht sofort in Empörung geraten, uns nicht die leichteste heilsversprechende Erklärung zu eigenen machen und im Meinungskrieg mit Blut aus den Ohren schießender Wut verbal oder physisch auf den Gegenüber eindreschen. Freiheit bedeutet, die Freiheit des anderen wirklich und vorurteilsfrei anzuerkennen. Das wäre ein Anfang.

Ein Schlussstrich ziehen? Nein, es darf und wird keine 180 Grad-Wende geben. Die Geschichte lebt fort und wir schreiben sie. Jeden Tag, jeden Moment, in dem wir uns für Frieden, Solidarität und gegen Rassismus und Faschismus, gegen Alltagsdiskriminierung mit lauter Stimme aussprechen, wirken wir ein auf die uns nachfolgende Geschichte, die sich aus der Gegenwart speist. Tolstoi schreibt in „Krieg und Frieden“: „Nichts Einzelnes ist die entscheidende Ursache, sondern nur das Zusammenwirken der Bedingungen, unter den jedes Ereignis sich vollzieht …“ Und die Bedingung der Gegenwart muss immer lauten: nie wieder! Lassen wir es nicht zu, dass die Erben der ideologischen Täter sich heute als Opfer maskieren und so die wirklichen Opfer des Nationalsozialismus doppelt verhöhnen. Mit jedem Vordringen der Neuen Rechten, mit jedem „Das wird man doch mal sagen dürfen“ – was zum Ziel hat, nationalistisches Sprachgut salontauglich zu machen und ganz allmählig vom Verstand, vom gewohnheitgewordenen Gebrauch in das kaltgewordene Herz rieseln zu lassen – regt sich in mir die Angst, ein Gefühl, bald einer drohenden nationalistischen Besatzungsmacht ausgeliefert zu sein: Wenn rechtsgesinnte Siedlerprogramme ganze Dörfer in ihre Mangel nehmen, die Nachbarschaft terrorisieren, so wie es auch hier in Sachsen-Anhalt z.B. im altmärkischen Wendemark mit dem Familienclan Bachmann geschieht. Die Verlierer wollen die Geschichte der Sieger umgeschrieben wissen, die Verbrechen der Vergangenheit als Details abtun, sie dadurch klein und verächtlich machen – als wäre es halt einfach passiert, ihre menschenverachtende Ideologie als kraftschöpfende Quelle nutzen, um Ressentiments, die allgemeine Verunsicherung für sich auszunutzen. Und sie huldigen der guten alten Zeit. Aber es war keine gute alte Zeit. Es war eine Zeit des Hasses, der Ausgrenzung und der systematischen Vernichtung, deren Keime viele Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor gesät wurden. Die Zwölf Jahre waren doch nur die Spitze eines Eisberges, ungesehen darunter schwelte der Hass. Und er schwelt noch immer unter der Oberfläche. Und ich lese die Zeilen des österreichischen Schriftstellers Thomas Berhnard, der sich Zeit seines Lebens an dem Fortdauern nationalsozialistischen und antisemitischen Gedankenguts in Österreich abgearbeitet hat, dafür wüst beschimpft wurde, und beim Lesen läuft mir eiskalter Schauer über den Rücken. Zeilen aus seinem 1979 geschriebenen Theaterstück „Vor dem Ruhestand“, in dem drei Geschwister um den ehemaligen NS-Offizier Höller jedes Jahr still und heimlich Himmlers Geburtstag feiern, und nur darauf warten, sich wieder als treue Nazis in aller Öffentlichkeit zeigen zu dürfen. Ich lese diese Zeilen und denke, was vor 43 Jahren geschrieben wurde, ist länsgtens Wirklichkeit geworden: „Irgendetwas zieht sich zusammen / ganz in unserem Sinne / Ich täusche mich doch nicht in den Menschen / die meisten sind gute Deutsche / die mit dem das jetzt vor sich geht / nichts zu tun haben wollen / Der gute Deutsche verabscheut was hier in diesem Land vorgeht / Verkommenheit Verlogenheit allgemeine Verdummung / Das Jüdische hat sich überall festgesetzt / es ist schon wieder überall und in jedem Winkel.“ Wir haben die faschistoide, nationalsozialistische Idee in unserer Gesellschaft nicht überwunden, ihre Fortschreibung tritt deutlicher denn je in den Vordergrund. Und ihr muss mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden.

Die unmittelbare Gegenwart hat die Herzen träge, ihre Herausforderungen, haben uns müde gemacht. Menschliches Elend haben wir lange schon zuvor in unseren Köpfen und in der Wirklichkeit an entfernt gelegene Orte outgesourct. Viele kämpfen für eine gerechte, für eine friedfertige Welt. Doch ein mehrheitliches Umdenken, ein solidarisches Umdenken scheint weiterhin weit entfernt. Im Gegenteil, im zunehmend spürbaren Kampf des Einzelnen gegen die vielen anderen Einzelnen, scheinen Mitleid, Verständnis und Barmherzigkeit zu charakterlichen Schwächen degradiert. Wir berauben uns dadurch unserer eigenen Überlebensfähigkeit im steten Kampf um unsere sogenannte Identität – wir bauen Grenzen, um andere abzuwehren. Vergessen aber und wir spüren es, dass das in die seelische und physische Einsamkeit führt. In die Trägheit der Herzen. Wir brauchen den anderen, um zu überleben. Und wir müssen einander mit Verständnis, mit Friedfertigkeit und Zugewandheit, mit Mut der Gegenwart begegnen. Das sind die zu ziehende Lehren aus der Geschichte und die Toten, derer wir heute gedenken sind unsere Lehrer. Und sie lehren nicht allein aus dem Geschichtsbuch heraus, als Zahlen, als Gruppen, sondern aus ihren ganz persönlichen und einzigartigen Geschichten. Die Geschichten der Zeitzeugen, die Geschichten aus Berichten, Tagebüchern, Briefen und aus der Literatur. Die Geschichten ihres Kampfes gegen den Faschismus, die Geschichten ihrer Deportierung, die Geschichten aus den Schützengräben, die Geschichten, wie die Familien entzweiht, wie Bekannte verraten und ausgefliefert wurden. Die Geschichten aus den Ghettos und den Vernichtungslagern. Sie alle erzählen von schrecklichstem Leid, das ihnen von ihren Mitmenschen angetan wurde. Sie erzählen aber auch von gegenseitiger Unterstützung, von Rettungsversuchen wider die Aussichtslosigkeit und trotz lauernder Gefahr, erwischt, gefoltert, hingerichtet zu werden, von Auflehnung und Überlebens- und Widerstandskampf. Ich erinnere mich an eine Zeile aus einem eben gelesenem Roman. Sinngemäß heißt es dort: die Einstellungen von Menschen lassen sich mit Argumenten allein nicht ändern. Aber Geschichten können das. In dem wir uns ihrer Geschichten erinnern, sie wach, sie lebendig halten, ehren wir jene, derer wir heute gedenken.

Geschichte durch Geschichten zu erzählen, kann träge Herzen wecken, wühlt sie auf. Unsere Kunst-, unsere Kulturschaffenden vermögen hier wertvolle Arbeit zu leisten – Kultur ist Bildung und Bildung ist aller Anfang – aber gerade viele Kunstschaffende und Kunstbetriebe werden deshalb von rechter Flanke als linksversifft verachtet und bedroht. Und müssen geschützt werden. Gar nicht zu reden von den vielen, die sich gegen die Neue Rechte und für eine solidarische Gemeinschaft engagieren und dafür angefeindet werden.

Ich schließe daher mit etwas Literatur, mit einem Prosatext von Wolfgang Borchert. Er hat den 8. Mai 1945 trotz Kriegseinsatz überlebt. Zwei Jahre nach der Befreiung verstarb er. Wolfgang Borchert war gerade mal zwölf Jahre als, als Hitler die Macht ergriff. Wegen brieflicher Äußerungen kam er in Haft und wurde zum Tode verurteilt, jedoch zur Bewährung ausgesetzt, was für Borchert bedeutete, nach Russland in den Krieg zu ziehen. Zwölf junge Jahre vor dem Nationalsozialismus, 2 Jahre nach der Befreiung, 2 kurze Jahre um zu Schreiben. Mit 26 Jahren verstorben, kannte Borchert nur die Welt des Hasses, nur die Welt des Krieges. Und seine Werke der Stunde Null zeugen in erschütternd brutaler wie liebevoller und so unsagbar trauriger Weise davon und ich möchte aus „Dann gibt es nur eins“ – seinem letzten Text – rezitieren.

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