Meine Themen - Kulturpolitik

19.12.1980: Rechtsextremistischer, antisemitisch motivierter Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke

Heute vor 45 Jahren wurden Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke von dem Rechtsextremisten Uwe Behrendt, Mitglied der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG), in Erlangen ermordet.

In der Geschichte der alten Bundesrepublik stellt das Jahr 1980 einen Höhepunkt des rechten Terrors dar. Nachdem die neonazistischen Deutschen Aktionsgruppen mehrere Monate lang in ganz Deutschland Geflüchtetenunterkünfte, NS-Gedenkorte und eine Auschwitz-Ausstellung angegriffen hatten, töteten sie am 22.08.1980 in der Halskestraße in Hamburg die beiden Geflüchteten Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân durch einen Brandanschlag. Kaum mehr als einen Monat später, am 26.09.1980, erfolgte mit dem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, dem schwersten rechtsextremen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik, als eine von dem Neonazi Gundolf Köhler platzierte Bombe detonierte. Zwölf Menschen sowie der Täter wurden getötet und 221 weitere verletzt. Köhler hatte sowohl Verbindungen zur Wiking-Jugend als auch zur Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), der größten paramilitärischen Neonaziorganisation in der BRD während der 1970er Jahre. Die WSG war vor ihrem Verbot im Januar 1980 jahrelang von der bayerischen CSU-Regierung unter Franz-Josef Strauß verharmlost worden – entgegen allen Recherchen, Warnungen, Protesten und Verbotsforderungen von Antifaschist:innen im Parlament und außerhalb.

Lewin und Poeschke hatten sich vor ihrer brutalen Ermordung unermüdlich gegen Faschismus und Antisemitismus und für gelebte Toleranz und Vielfalt, das öffentliche Gespräch zwischen den Religionen und Kulturen engagiert und gerieten so ins Visier der WSG.

Die Ermittlungen waren von Beginn an jedoch dadurch geprägt, dass die Behörden und die Medien vor allem die Opfer und deren Umfeld verdächtigten, immer von einem Einzeltäter ausgingen und einen organisierten Rechtsterrorismus verneinten und stattdessen die Ermordeten als Menschen hinstellten, „die von ihren angeblichen dunklen Geheimnissen eingeholt worden seien“. In beiden „Einzeltäter-Fällen“ versuchte Strauß, der 1980 Kanzler werden wollte und im Wahlkampf voll auf Antikommunismus und eine Feindbestimmung von der RAF bis zum FDP-Bundesinnenminister Baum setzte, aus den Anschlägen politisches Kapital zu schlagen.

Angemessenem Erinnern an Shlomo Lewin und Frida Poeschke stand die Unfähigkeit im Wege, rechtsextremistischen Terrorismus überhaupt für möglich zu halten und bei den Ermittlungen zu berücksichtigen. Antisemitismus als genuinen Bestandteil rechter und rechtsextremer Gesinnung zu betrachten, wie es zumindest die Shoa der deutschen Faschisten auch damals, „erst“ 35 Jahre nach der Befreiung, hätte nahelegen müssen, kam „Konservativen“ nicht in den Sinn, die ausschließlich auf den linksextremistischen Terror der RAF fokussiert waren. Neonazi Karl-Heinz Hoffmann, vermögender Gründer der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und nach der Wende u.a. in Thüringen als Immobilienkäufer aktiv, war in „bürgerlichen“ Kreisen durchaus beliebt, seine Raubkatze eine exotische Attraktion in den Illustrierten. Am 12. September 1984 wurden Hoffmann und seine Lebensgefährtin Franziska Birkmann vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth angeklagt, zunächst wegen Anstiftung oder Beihilfe zum Mord. Hofmanns Rolle als Anstifter und Mastermind organisierten, rechtsextremistischen Terrors wurde in dem 186 Tage dauernden Prozess, an dessen Ende der tote Uwe Behrendt als Einzeltäter galt, trotz zahlreicher Beweise und Indizien, nie ernsthaft aufgeklärt. Wenn es überhaupt Rechtsextremismus gab, handelte es sich um „Einzelfälle“. 

Gegen rechte Geschichtsverzerrung und deutschen antisemitischen Faschismus. 
Im respektvoller, dankbarer Erinnerung an Shlomo Lewin und Frida Poeschke.

Uffa Jensen schrieb in „Ein antisemitischer Doppelmord - Die vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik (Suhrkamp Verlag, Berlin 2022): „Der terreur der Juden nach der Tat, die Unfähigkeit des Staates, den Doppelmord vollständig aufzuklären und die Beteiligten als Terroristen zu bestrafen, der Unwille der Gesellschaft, die antisemitische Bedrohung zu verstehen und den Rechtsterrorismus richtig einzuordnen und zu erinnern, die überall greifbaren Zweifel an Lewin, durch die sich die Ermittlungen wochenlang in die falsche Richtung bewegten, und an den Jüdinnen insgesamt – all dies sind wesentliche Bestandteile der Geschichte des Erlanger Doppelmords“.

Innenansicht Jüdisches Museum Berlin, Treppe im Eingangsbereich vom Altbau in den Libeskind-Bau
Jüdisches Museum Berlin

Foto: Jens Ziehe

Foto: Jennifer Marke

Aufarbeitung der Verbrechen der „Colonia Dignidad“

Gestern wurde ich zusammen mit sieben anderen Abgeordneten in die Gemeinsame Kommission von Bundestag und Bundesregierung zur Aufarbeitung der Verbrechen der „Colonia Dignidad“ gewählt:

https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw51-de-wahlen-1129190

Ich freue mich, dass ich für die Linke in dieser Wahlperiode dieses wichtige Thema bearbeiten kann. In der 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer in Chile gegründeten Sekte "Colonia Dignidad" (CD) wurden über Jahrzehnte hinweg systematisch schwerste Menschenrechtsverletzungen und tausendfach Sexualdelikte begangen. Während der faschistischen Militärdiktatur Augusto Pinochets (1973 bis 1990) befand sich zudem auf dem riesigen Areal der CD eine Operationsbasis sowie ein geheimes Folterlager des chilenischen Militärgeheimdienstes DINA, in dem dieser zusammen mit CD-Mitgliedern hunderte politische Oppositionelle folterte und ermordete.

Nach jahrelangen Protesten aus der Zivilgesellschaft und von Opferverbänden nahm am 29. Juni 2017 der Bundestag einstimmig den Entschließungsantrag zur "Aufarbeitung der Verbrechen in der 'Colonia Dignidad'" (18/12943) an. Darin wurde die Bundesregierung dazu aufgefordert, in enger Zusammenarbeit mit dem chilenischen Staat sowohl die historische und juristische Aufarbeitung als auch die Klärung der Besitzverhältnisse der CD voranzutreiben. Im Oktober 2018 wurde daraufhin eine "Gemeinsame Kommission von Bundestag und Bundesregierung zur Aufarbeitung der Verbrechen der 'Colonia Dignidad'" (GK) gegründet, die ein Hilfskonzept für die Opfer der "Colonia Dignidad" entwickelte und die Aufarbeitung durch die Entwicklung eines Konzeptes für ein Dokumentations- und Bildungszentrum voranbringen soll.

In der GK sind alle Fraktionen des Deutschen Bundestags (acht MdB) und die betroffenen Bundesressorts vertreten. Seit Anfang 2020 wurden in Umsetzung des Hilfskonzepts Leistungen an die Opfer der "Colonia Dignidad" erbracht, die bis heute unter den Folgen der in der an ihnen verübten Verbrechen leiden. Die Hilfsleistungen und die weitere Unterstützung der Opfer, insbesondere durch den Fonds "Pflege und Alter", werden auch in Zukunft fortgesetzt und von der GK auch über diese Legislaturperiode hinaus begleitet werden. In den nächsten Jahren stehen jedoch vor allem die weitere Entwicklung und Umsetzung eines Gedenkstättenkonzepts auf dem Gelände der CD sowie die Aufarbeitung der politischen Verantwortung in Deutschland auf der Tagesordnung der GK.

Was die Wahl des Rechtsextremen José Antonio Kast am 14. Dezember zum neuen chilenischen Präsidenten für die weitere Aufarbeitung bedeutet, ist nicht sicher. Kast bekundete bis vor wenigen Jahren immer am 11. September öffentlich seine Anerkennung für den Militärputsch und dankte Pinochet dafür, dass er das Land von der „kommunistischen Diktatur“ befreit hätte. Ebenso kündigte er mehrfach an, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Militärs zu begnadigen. Zu befürchten ist also, dass - wie in Argentinien unter dem ultrarechten Präsidenten Milei - eine geschichtspolitische Wende einsetzt. Auch wenn sich also die Rahmenbedingungen für die Aufarbeitung der Verbrechen verschlechtert haben, freue ich mich sehr auf die kommende Arbeit und werde hier sicher regelmäßig darüber berichten.

Internationaler Tag der Menschenrechte

Am Tag der Menschenrechte 2024 lud ein Pariser Theater Menschen ohne Ausweispapiere („Sans papiers“) und Unterkunft zu sich ein. Das war kein Almosen, keine Benefiz-Gala, wie sie Promis manchmal auf die Beine stellen – das Theater trat einfach als Schauplatz sozialen, solidarischen Lebens in Erscheinung und wusste, dass „eine Rolle“ zu spielen und/oder unter dem Pseudonym „Anonymous“ existenziell ist. Zu einem „Fresko der Migration“ seien die Menschen eingeladen, hieß es. Es waren Menschen, die keine andere Bleibe hatten, keine Adresse und keine offizielle „Identität“. Nicht die „Besetzung“ dieses „Freskos der Migration“ zu verraten, sollte keine Spannung auf den Augenblick einer „Enthüllung“ anheizen, sie diente schlicht dem Schutz von Menschen („Migrant:innen“) in extrem vulnerabler Situation. Viele Staaten in der EU können und wollen nicht gewährleisten, dass die von „Konservativen“, Rechtskonservativen und Rechtsextremisten als Opfergruppen ihrer gewalttätigen Politik und nackten Gewalt priorisierten Menschen in Sicherheit und Würde leben können. Sie haben nicht lernen wollen, den Begriff des „Menschen“ unter der Prämisse der Gleichheit in der ganzen Vielfalt seiner Identitäten, Situationen, Selbstentwürfe auszubuchstabieren, wie es Artikel 1 des Grundgesetzes ebenso wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1947 in Artikel 1 nahelegen könnte: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Mensch ohne Land, ohne Papiere, ohne Haus, ohne die auf Arbeitsmärkten gefragten „Skills“ diese unverlierbare Würde verliert. Aber „der Westen“, der sich seit einigen Jahrhunderten viel auf seine angebliche Fähigkeit zu „Abstraktion“ und „Begriffsbildung“ einbildet, ist „dem Menschen“ nicht gewachsen. „Der Mensch“ ist vielen Staaten ein gefährliches Gespenst, ganz pauschal ein „Terrorist“, weil er sich nicht durch Nationen und brutale Grenzregime in seiner Existenz einschränken lässt und sich in einer Vielfalt offenbart, die das Schema „deutscher Vater, deutsche Mutter, deutscher Sohn“ sprengt.

Kolonialismus, Rassismus und Sozialrassismus, die 1947 in vielen Signatarstaaten vorherrschten haben sich jahrzehntelang als besonders resilient erwiesen und eskalieren in den 2020er Jahren in neuen Faschismen, die ihrerseits keinen Plural (Kulturen) zulassen, weil sie ethnisch und kulturell homogene „Volksgemeinschaften“ (sic!) bevorzugen. „Kultur“ wird als „Nation“ und „Leuchtland“ (Weimer) gepriesen, der internationale Austausch von Künstler:innen und Kultureinrichtungen soll durch einen Bundeshaushalt boykottiert werden, der u.a. das Aus der Fördermittel für das Bündnis Internationaler Produktionshäuser bedeutet. Anna Wagner (Intendanz und Geschäftsführung Künstler*innenhaus Mousonturm, Frankfurt am Main) merkte im Interview mit Nachtkritik am 3.12.2025 an: „Wir können nur spekulieren und uns fragen, welche Themen politisch gerade diskutiert werden. Wir setzen uns zum Beispiel intensiv mit der Migrationsgesellschaft auseinander, und zwar nicht im Sinne einer Bedrohung, sondern im Sinne einer Bereicherung. Das ist bekanntermaßen kein Schwerpunkt der aktuellen Bundesregierung.“ Carena Schlewitt (HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste, Dresden) fragte ebendort: „Bundeskanzler Merz ist derzeit international viel unterwegs und auf einer seiner Reisen sprach er kürzlich von "Völkerverständigung". Aber wie soll das gehen, wenn das Bündnis internationaler Produktionshäuser auf Null gesetzt wird oder auch bei den Goethe-Instituten gespart wird und nicht einmal mehr bestehende Kooperationen weitergeführt werden können?“ In den Ländern und Kommunen sehen sich Theater mit einer AfD konfrontiert, die „Meinungsfreiheit“ nur für gewährleistet hält, wenn sie selbst alle Bühnen zur freien Verfügung hat. Die AfD fragt die „Nationalitäten“ der engagierten Künstler:innen in den Ensembles ab, agitiert gegen jeden Versuch, eine geschlechtersensible Sprache in den Kultureinrichtungen zu etablieren und bezichtigt alle Verteidiger:innen einer sozialen, liberalen Demokratie der „Agitation und Propaganda“. Die „Konservativen“ wissen, was sie tun – wollen aber nichts davon wissen: Kulturen im Geist der Menschenrechte zu fördern und zu würdigen ist untrennbar davon, der Menschenwürde soziokulturell Geltung zu verschaffen und Menschen in ihrer ganzen Vielfalt und Individualität gegen jegliche Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Klasse, Einkommen, sexueller Identität, Religion zu verteidigen. Wenn eine selbst proklamierte „bürgerliche Mitte“ (AfD inklusive) das weiterhin nicht kapiert und es nicht jedem Menschen ermöglicht, ihren*seinen Namen nicht aus Gründen des Selbstschutzes verstecken zu müssen, eine Adresse zu haben, die nicht das Ziel rassistischer und sozialrassistischer Angriffe wird, bleibt irgendwann nur das „Pariser Modell“ vom 10.12.2024 übrig. Diese konkrete Utopie eines Safe Spaces wurde bereits im März 2025 durch einen Polizeieinsatz beendet. 


Auge in Auge mit dem erstarkenden deutschen Faschismus wurde in Berlin 1931 die „Truppe 31“, eine Theaterkommune gegründet, die den deutschen Faschismus versprengt im Exil überleben sollte und dem u.a. der spätere Intendant des Deutschen Theaters (Ost-Berlin), Gustav von Wangenheim angehörte. In seinem Stück „Die Mausefalle“ heißt es:

Alle: Wir bleiben – wir!
KM: Und leben Theaterleben – 
                                                  hier!
Alle: Sind wir auch widersetzlich,
Wir bleiben – theater – 
                                    gesetzlich

Gustav von Wangenheim, Die Mausefalle (Berlin, 1931)
In: Da liegt der Hund begraben und andere Stücke – Aus dem Repertoire der „Truppe 31“, Rowohlt/Reinbek bei Hamburg 1974

In Paris ereignete sich zwischen dem 10.12.2024 und März 2025 vielleicht, in irgendeiner Nanosekunde der Utopie, was Yannick Haenel in seinem Roman „Die bleichen Füchse“ als Trauerzeremoniell für einen verstorbenen „Sans Papiers“  entwirft: „Die Maske lehnt diese Welt ab, in der jeder verpflichtet ist, mit seinem Bild zu verschmelzen und dessen unterwürfige Identität an jeder Straßenecke vorzuzeigen. So waren wir glücklich, uns unter anderen Masken wiederzufinden und in einem Universum ohne Zwänge zu bewegen. Hatten wir Angst, in der Menge unterzugehen? Im Gegenteil. Alle diese Anonymen waren ja gekommen, um die bleichen Füchse zu treffen, und die bleichen Füchse sind auch anonym. Wir möchten uns in ruhigem Durcheinander, ohne nach einer Einheit zu streben. Wenn die Gemeinschaft existiert, vereitelt sie die Abgeschlossenheit. Und genau das fand statt: Die Abwesenheit von Identität besetzte den Raum.“


Yannick Haenel / Claudia Steinitz (Übersetzung aus dem Französischen). Die bleichen Füchse. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014.

Mahnmal der politisch Verfolgten der Künstlerkolonie

Foto: Carsten Jenß

Foto: Carsten Jenß

07.12.1930 - Geburtstag Dani Karavan: 

Heute würde der am 29. Mai 2021 in Israel verstorbene Bildhauer Dani Karavan, am 7. Dezember 1930 in Tel Aviv geboren, 95 Jahre alt. Insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland, Israel und Frankreich hat Dani Karavan Kunst-, Denk- und Gedenkräume kreiert, die gerade in ihrer Offenheit für Menschen, Städte, Bevölkerungen, die Lebenden und das Gedenken an die Opfer von Hass-Ideologien nicht einfach ein Bleibendes SIND. Bleibendes ist immer im Werden begriffen, es entsteht, wenn wir Erinnerung und Gedenken im Geist universeller Menschenrechte entwickeln. 
Direkt gegenüber vom Bundestag im Reichstag erinnert Dani Karavans Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas auch den aktuellen Bundestag an die Opfer deutscher nationalistischer, rassistischer, antiziganistischer Hass-Ideologien. Vielleicht werfen auch einige Politiker der Union mal einen Blick darauf, der Antiziganismus-Beauftragte der Bundesregierung zumindest könnte das für angezeigt halten (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/diskriminierung-antiziganismus-beauftragter-kritisiert-parteifreunde-a-ef3eac7e-2e0c-486e-afb3-03adab7e38a0). Überlebende und Nachkommen auch dieses Völkermordes leben mitten unter uns – und Mitte ist dort, wo Menschen einander in Respekt und Geschwisterlichkeit als MENSCHEN begegnen. 
Zwischen dem Jakob-Kaiser-Haus (zum Bundestag gehörend) und der Spree erstreckt sich, in seiner Ausdehnung vielleicht oft unbemerkt, das "Grundgesetz 1949": Die 19 Grundrechtsartikel sind Glastafeln eingraviert und einem Werk eingebettet, das sich vom Jakob-Kaiser-Haus bis zur Spree erstreckt. "Grundgesetz 1949" bildet eine Art "Passage" zum Spreeufer hin und erinnert damit auch an "Passagen", den von Karavan geschaffenen Gedenkort für Walter Benjamin in Port Bou (vgl. meinen Beitrag vom 26. September 2025).
Zwischen diesen Werken, dem Deutschen Bundestag mittelbar oder unmittelbar benachbart, könnte sich der Bundestag im historischen Reichstagsgebäude als Raum für Menschen, Zivilgesellschaft, Menschenrechte erweisen – nicht zuletzt im Gedenken an die Opfer der Schoa und weiterer deutscher Völkermorde. 

Reichstag, 2.12.1905
Deutscher Völkermord an den Ovaherero und Nama
in der Kolonie „Deutsch-Südwest-Afrika“ (Namibia)

Georg Ledebour (SPD) fordert:
Kanzler und General 
vor den Richterstuhl der Geschichte!

Die Anklage, die Georg Ledebour (07. März 1850/Hannover - 31. März 1947/Bern) im Reichstag gegen Reichskanzler Bernhard von Bülow und General Lothar von Trotha richtet, ist Teil einer grundsätzlichen Kolonialismus-Kritik des SPD-Abgeordneten. In einer Erwiderung auf den Abgeordneten Dr. Arendt nimmt Ledebour in aller Klarheit Stellung. 
 

Georg Ledebour: „Gemeinbesitz“ statt „Privatbesitz“ 


„Die Herero haben noch den Stammesbesitz, und gerade diese Institution wollen wir bei uns einführen … in der Form des Gemeinbesitzes an Grund und Boden seitens der gesamten Nation.  … Der ganze Akkumulationsprozess des Kapitals in Europa, die Anhäufung des Privatbesitzes an Grund und Boden in einzelnen Händen führt im Grunde genommen auf ganz dasselbe Verfahren zurück, das wir überall bekämpfen und verurteilen. Unsere Stellung zu der Frage, ob der Stammesbesitz der Eingeborenen erhalten werden soll oder nicht, deckt sich vollkommen mit unserer Stellung zur Frage des Privatbesitzes in Grund und Boden überhaupt. Wir sind Gegner des Privatbesitzes an Grund und Boden und gerade deswegen verurteilen wir umso schärfer, dass unter allerhand Rechtsfiktionen den Eingeborenen, deren Land sich im Stammesbesitz befindet, ihr Grundbesitz zu Gunsten einiger Europäer abgenommen werden soll.“


Mit dem Privateigentum und der gewaltsamen Anwendung dieser kultur- bzw. kapitalismusspezifischen Rechtsauffassung auf alle Weltgegenden hat sich Deutschland als Kolonialherr in fundamentalen, brutalstmöglich ausagierten Widerspruch zu alternativen Rechtstraditionen begeben. Fragen der „Restitution“ heute auf einzelne sog. „Objekte“ und „Human Remains“ zu beschränken verkennt, mit welch durchdringender Gewalt der Kolonialismus Menschen und ihre Kulturen ausgelöscht hat. „Kultur“, „Agrikultur“/Landwirtschaft und Privatbesitz waren in kolonialistischer Ideologie und Praxis untrennbar miteinander verbunden. Beim „Deutschen Kolonialkongress“ im Reichstag gelang einem der Referenten  (W. Sering) am 7. Oktober 1905 die Formulierung, „kraftvolle Menschen“ zögen hinaus, „um sich und ihren Kindern die Unabhängigkeit, das Land der Kultur zu gewinnen.“ In diesem Fall galt das implizite „Unkultur“-Verdikt den First Nations der USA, Vertreibung und sklavenähnliche Abhängigkeit (statt „Unabhängigkeit“) waren für sie vorgesehen. Die „Blut und Boden“-Ideologie der NSDAP, ihrer Sympathisanten und Wegbereiter hatte einen langen Vorlauf. Eine Kulturpolitik, die sich ihrer eigenen Rechtsgrundlagen, der Geschichtlichkeit ihrer eigenen Begriffe bewusst wäre, könnte Fragen der Restitution nicht unabhängig von einer kritischen Bewertung globaler Besitz- und Eigentumsverhältnisse behandeln. Letztere sind Teil einer eigenen Geschichte von Verbrechen. 


Die „Weltgeschichte“ ist das „Weltgericht“?

„Im Deutschen Reiche werden heutigen Tages die Herren ja nicht wirklich auf die Anklagebank kommen vor Richtern, die über sie urteilen. Sie bekommen einen Orden, oder der Herr Fürst v. Bülow erhält jetzt den Herzogtitel, und Herr General von Trotha, der sich großer Gönnerschaft in den höchsten Kreisen erfreuen soll, bekommt vielleicht auch noch etwas Ähnliches. Aber die beiden Herren, die bisher bewiesen haben, dass sie die deutsche Ehre in der Kriegsführung gegenüber barbarischen Stämmen nicht richtig haben zu wahren wissen, gehören allerdings auf die Anklagebank, vor den Richterstuhl des deutschen Volkes und den Richterstuhl der Geschichte, und was sie auch sagen mögen: das deutsche Volk und die Geschichte werden sie schuldig sprechen.“ 

Am 2. Dezember 1905 forderte der Abgeordnete Georg Ledebour (SPD) im Reichstag, dass gegen die Verantwortlichen für die deutschen Verbrechen - gemäß fünfzig Jahre später von der BRD ratifizierter Völkermord-Konvention: Genozid - an den Ovaherero und Nama in der Kolonie „Deutsch-Südwest-Afrika“ (Namibia), Anklage erhoben werde. Ledebour lässt anklingen, für wie unrealistisch er seine eigene Forderung an diesem Tag hält: „Das deutsche Volk und die Geschichte werden sie schuldig sprechen“ spielt auf Schillers Vers „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ (Friedrich Schiller: „Resignation“. 1784/1785, publiziert erstmals 1786) an –  und vertagt das Urteil damit keineswegs auf einen „Jüngsten Tag“. Den Anspruch, „Weltgeschichte“ zu schreiben, Protagonist und Erfinder von „Geschichte“ zu sein und sich damit als „Kulturland“ oder „Kulturnation“ von sog. „Unkulturländern“ zu unterscheiden, sollte insbesondere das kolonialistische Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert für sich erheben. Die Definition von Raum und Zeit wurde ein antisemitisch, rassistisch und kolonialistisch gehandhabtes Machtinstrument, mit dem willkürlich Grenzen gezogen, Menschen und ihre Kulturen für gültig oder ungültig („wurzel-“ und „vaterlandslos“) erklärt, geehrt oder vernichtet wurden. Sich selbst nach Belieben jener Historizität und ihrer besseren Aspekte (Menschenrechte, Völkerrecht, internationale Gerichtsbarkeit) zu entledigen und aus jenem selbst geschaffenen „Universum“ auszuklammern bei Bedarf, gehört zu den schlimmen „Errungenschaften“ eines sog. „Westens“, dessen Exponenten sich seit einigen Jahren, folgerichtig, gern für ihre Mars-Mission vorbereiten und am liebsten komplett aus jeglichem „Raum-Zeit-Kontinuum“ verkrümeln würden. Dass eine Bundesregierung erst 2021 von einem „Völkermord“ an den Ovaherero und Nama sprechen würde, ohne die entsprechenden Konsequenzen aus dieser Anerkenntnis zu ziehen: Hätte ihm dies am 2. Dezember 1905 vor Augen gestanden, Ledebour wäre vielleicht, mit zynischem Gelächter, plötzlich sehr katholisch oder Anhänger einer Endzeit-Sekte geworden. 

Eine internationale Gerichtsbarkeit, die auf Grundlage absoluter Gleichheit ALLER Menschen auf diesem Planeten Recht spräche, war damals, als das Deutsche Reich Genozid verübte, massenhaft Mord, Land- und Kulturraub beging, akut wünschenswert, keinesfalls weniger wünschenswert als heute. Mit dem „deutsche(n) Volk“, neben der Geschichte rhetorisch zum Richter bestellt, fordert Ledebour ein, was es erst nach dem Ersten Weltkrieg geben sollte und 1905 auch in Gestalt einer Giebelinschrift am Reichstagsgebäude („Dem deutschen Volke“: schon für die Eröffnung 1894 vorgesehen, 1916 realisiert) noch unerwünscht war: eine Parlamentarische Demokratie mit konsequenter Gewaltenteilung. Erst nach dem beispiellosen deutschen Verbrechen der Shoa, vielfachem deutschem Genozid, totaler Erschließung aller Gewaltpotenziale von Deutschtums-Ideologien wie Rassismus, Sozialdarwinismus, Sozialrassismus und Kolonialismus wurden Schritte zu einer wirksamen, internationalen Gesetzgebung unternommen, die Völkermord-Konvention auch von der Bundesrepublik Deutschland 1955 ratifiziert. Mit dem Römischen Statut und der Etablierung des Internationalen Strafgerichtshofes Ende der 1990er/Anfang der 2000er Jahre wurde, teils nur in der Theorie, ein weiterer Schritt unternommen, völkerrechtswidriges Verhalten konsequenter ahnden zu können. Eine Asymmetrie bei der Verfolgung und Verurteilung von Verbrechen wird bis heute, zurecht, beklagt. Die Aufteilung der Welt nach kolonialistischen Schemata und die Priorisierung eines sog. „Westens“ und seiner Interessen ist bis heute sichtbar.

Mit der Bezeichnung „barbarische Stämme“ werden bei Ledebour nicht die Opfer dieses deutschen Genozids diffamiert: Ledebour spiegelt hier das kulturrassistische Schema der Täter zurück. Immer wieder konfrontiert er die pro-kolonialistischen Fraktionen im Reichstag, die politischen Gegner, mit ihrem eigenen Anspruch, „zivilisiert“ zu sein.
 

Die gängige Praxis eines wechselseitigen Anheftens von Orden und Titeln, wie sie Ledebour am Beispiel der, rhetorisch, Beklagten beschreibt, untergräbt Transparenz und Rechtsstaatlichkeit massiv, indem sie dem Unrecht informelle Rechtssicherheit gibt. Diese Rechtssicherheit für furchtbares Unrecht, deren Wirksamkeit sich in der Unrechtsordnung eines „Maßnahmenstaates“ [Ernst Fraenkel (1898–1975), Modell des „Doppelstaates“]  vollendet, endet im 21. Jahrhundert entweder vor Institutionen wie IGH oder IStGh – oder wird, anstelle von Recht, bis zu einem „Jüngsten Gericht“ fortgeschrieben, das es niemals geben wird. Das „Weltgericht“ ist kein spektakuläres Ereignis. Rechtsprechung einer internationalen Gerichtsbarkeit folgt keiner Suspense-Dramaturgie, hat keinen apokalyptischen Schauwert und eignet sich für keinen „Blockbuster“. 

Inwieweit zieht die Bundesregierung keine Konsequenzen aus dem Tatbestand des Völkermordes? Etwaige Unterstützung, die Namibia („Deutsch-Südwest-Afrika“) von der BRD erhält, ist, so wollen es die Bundesregierungen, explizit nicht als „Reparation“ oder „Wiedergutmachung“ zu betrachten und wird damit als freiwillige Leistung („Entwicklungshilfe“) ohne Rechtsgrundlage ausgewiesen. Wie Kritiker:innen zurecht monieren, setzt die BRD das im Deutschen Reich begangene Unrecht insofern fort, als sie ein Zeitregime („Chronopolitik“) für sich reklamiert, eigene Verbrechen eigenhändig definierten Geltungsbereichen selbstgeschaffenen Rechts zurechnet. 

Im Zusammenhang mit etwaigen Reparationen drängt sich neben der Vernichtung menschlichen Lebens und seiner Kulturen auch die Frage nach dem auf, womit soziokulturelles Leben immer in unterschiedlichster Weise verwoben ist: Land. Georg Ledebour machte im Reichstag, wie eingangs zitiert, immer wieder seine Position und damit die Position eines 1905 noch nennenswerten Teils der Sozialdemokratie klar. 
 

"EarthNest", das "Dekoloniale Denkzeichen" im Global Village/Berlin-Neukölln, aus Bundes- und Landesmitteln finanziert und am 14.11.2024 eingeweiht. Unterhalb der Treppenstufen, in den bei Dunkelheit beleuchteten Fenstern, soll sich Erde aus den von Deutschland kolonialisierten Ländern/Regionen befinden.

Foto: Carsten Jenß

Mit dem „Schwerbelastungskörper“ („Nazi-Klotz“) wollte NSDAP-Deutschland 1941/42 ausprobieren, ob der Berliner Boden den Herausforderungen der projektierten Welthauptstadt „Germania“ gewachsen wäre: Ertrüge der Boden auf der „Nord-Süd-Achse“ einen Triumphbogen, dessen Gewicht und Ausmaße den Triumphbogen in Paris – und erst recht die Triumphbögen des Original-Imperium-Romanum – um ein Vielfaches überträfen? Errichtet wurde der Klotz durch französische Zwangsarbeiter. Inmitten eines Berliner Wohnviertels gelegen, ließ sich der „Nazi-Klotz“ nach der Befreiung durch die Alliierten 1945 nicht sprengen. Erst im 21. Jahrhundert wurde dieser groteske Überrest von „Germania“ einem „Informationsort“ integriert. Die Zivilgesellschaft versucht sich auch durch alternative Beschilderung („Fluxus“), des Klotzes zu erwehren. 

Foto: Carsten Jenß

14. Todestag Christa Wolf

Am 1. Dezember 2011 verstarb Christa Wolf – eine Autorin, die sowohl in BRD, DDR, wiedervereinigter Bundesrepublik, Europa und weltweit mit ihren Werken präsent, geschätzt, viel diskutiert war und ist. Wie Autor:innen heute an Christa Wolfs Werke und Erfahrungswelten anknüpfen, zeigt Igiaba Scego (geboren am 20. März 1974 in Rom) mit „Kassandra in Mogadischu“. Die Autorin, deren Eltern nach dem Staatsstreich von Mohamed Siad Barre aus Somalia nach Italien emigriert sind, bezieht sich u.a. in der Mottowahl auf Christa Wolfs „Kassandra“. 
Christa Wolfs 1983 in BRD und DDR gleichzeitig erschienenes Werk und seine Protagonistin verweigern ihre Mitwirkung an einer Heldengeschichtsschreibung. Gegen Ende referiert Kassandra, wovon der geliebte Aeneas ihr gegenüber nach der Zerstörung Trojas durch „die Griechen“ gesprochen hat, nämlich ein „neues Troia irgendwo zu gründen. Von vorne anzufangen.“ und ihre Antwort darauf: 


„… Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben. … Gegen eine Zeit, die Helden braucht, richten wir nichts aus, das wusstest du so gut wie ich. … Du würdest weit, sehr weit gehen müssen, und was vorn ist, würdest du nicht wissen. [...] Ich bleibe zurück."

 (Christa Wolf. Kassandra. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008) 


„Ich bleibe zurück“: Kassandras Entschluss, auf Trojas Trümmern auszuharren ist eine Totalverweigerung, denn Aeneas, der Mann, den sie liebt, wird mit Vergils „Aeneis“ zur Gründungsfigur des „Imperium Romanum“, eines „Imperium sine fine“, wie es in der „Aeneis“ heißt. Mit Kaiser Augustus dachte Vergil dieses gut 2000 Jahre alte, bis heute wirksame Werk einem Herrscher zu, der ebenso wie Vergil mit seiner „Aeneis“ Epoche – ganz nach dem Geschmack der Supermächtigen – gemacht hat: Die radikale Entgrenzung eigener Macht wird bis heute gern als „Staatsklugheit“ oder „Pragmatismus“ gelesen. Mussolini hat sich gern auf Augustus bezogen, Curtis Yarvin, einer der „Chef-Philosophen“ der US-Trumpublikaner, tut es (vgl. Moritz Rudolph im philosophie Magazin 8/2024) und US-Vizepräsident J. D. Vance dürfte sich wirklich als prädestiniert für diese Rolle sehen, wie Cosmin Costinaș in einem Essay zur aktuellen Ausstellung „Global Fascisms“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) schreibt (https://www.hkw.de/programme/publications/cosmin-costinas-global-fascisms-essay). „Von vorne anzufangen“, diese Aussicht, erfahren wir aus Kassandras innerem Monolog, habe Aeneas ihr eröffnen wollen und sie selbst verhält sich dazu so, wie nur ein sehr hellsichtiger Mensch im Wissen um die „unendliche“ Geschichte augusteischer Ewigkeitsansprüche bis weit ins 20. (und 21. Jahrhundert) sich dazu verhalten kann: „Du würdest weit, sehr weit gehen müssen, und was vorn ist, würdest du nicht wissen.“ Donald Trump und seine Freunde wissen angeblich, wie alles EIGENTLICH begann, wo „vorn“ ist und wie „Paradies“ oder „goldenes Zeitalter“ geht. Ohne Ursprungsmythos keine rassistische, identitäre Diktatur - mit dem Kärcher in der Hand (für Volk und Vaterland) den Blackout für jedes kritische Erinnern einleiten. 


Wie Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ (1940) weiß Kassandra bei Christa Wolf und Igiaba Scego, dass jeder Schritt Richtung Imperium die Trümmer und Leichenberge im Schatten der Heldendenkmäler wachsen lässt: 


„Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ 


[Walter Benjamin (1892-1940) Über den Begriff der Geschichte (1940) / These IX] 

Neben James Baldwins „Ich habe diesen Brief fünfmal angefangen und fünfmal zerrissen.“ (Aus: Mein Kerker bebte) stellt Igiaba Scego ihrem Roman „Kassandra in Mogadischu“ (Aus dem Italienischen übersetzt von Verena von Koskull. Frankfurt am Main / S. Fischer 2024) diese Willensbekundung Kassandras aus Christa Wolfs Roman voran: 


„Dies alles, das Troia meiner Kindheit, existiert nur noch in meinem Kopf. Da will ich es, solang ich Zeit hab, wieder aufbaun, will keinen Stein vergessen, keinen Lichteinfall, kein Gelächter, keinen Schrei. Treulich, wie kurz die Zeit auch sein mag, soll es in mir aufgehoben sein. Jetzt kann ich sehen, was nicht ist, wie schwer hab ichs gelernt.“ 


Das „Troia“ von Igiaba Scego, ihrer Kassandra, ist das verlassene, von europäisch-italienischem Kolonialismus, Krieg und Bürgerkrieg zerstörte Somalia mit seiner einstigen Metropole Mogadischu. Es gibt vor allem die Erzählungen ihrer Mutter, von der Igiaba Scego jahrelang geglaubt hat, sie habe nie lesen und schreiben gelernt. Ihre Mutter aber hat das Alphabet „durch grundlose Gewalt“ verloren und ringt gemeinsam mit ihrer Tochter um ein neues antikolonialistisches Alphabet: 


„Der Verlust ihres Heimatlandes und meines Ursprungslandes war ein Trauma, das uns in Trauer einte. Auf unbewusste Weise – denn in dem Sinne hatte sie nie einen wirklichen Plan – wollte Hooyo ihr Leben an mich weitergeben. Es ging nicht nur um eine einfache Familiengeschichte. Es war mehr. Ihre Vergangenheit war Teil eines Nationalarchivs, einer Nation, die mit dem Krieg ihr Gedächtnis verloren hatte.“ 

Mutter und Tochter werden Co-Autorinnen in einer „Geschichtsschreibung“, die mit dem „Abendland“, das sich „Geschichte“ ans Revers heftet, ebenso diplomatisch wie subversiv abrechnet. Igiaba Scego erinnert sich daran, wie sie bereits im Alter von sieben Jahren zur Schreiberin und Co-Autorin ihrer Mutter wurde. Auf einer römischen Polizeidienststelle füllte sie Formulare aus, um die Aufenthaltsgenehmigung für ihre Mutter zu erstreiten. Sie sieht sich mit einem Italienisch konfrontiert, 

das einen in die Ecke trieb und sagte: »Du, Ausländer, bist nichts wert.« - Natürlich zeigte ich der Bürokratie dieser Formulare die Fäuste. Es war eine Bürokratie, die ein menschliches Wesen auf eine Zahl, eine Angabe, ein Nichts reduzierte.“ 

Dieser Sprache die Fäuste zeigend, in der ehemaligen Hauptstadt des Imperium Romanum von Augustus und Mussolini, sich die Sprache dieser (ehemaligen) Kolonialmacht aneignend, verkörpert die junge Co-Autorin den rund 4600 Jahre alten, altägyptischen „Sitzenden Schreiber“, der im Pariser Louvre (de)platziert ist: Der Platz im Louvre ist untrennbar von jenem Orientalismus und Kolonialismus, mit dem Napoleons Ägypten-Feldzug, seine „Ägypten-Expedition“ (1798 bis 1801) ideologisch unterfüttert war. Der Wettstreit von „Großmächten“, welche ihrer Hauptstädte das „eigentliche“ Rom sei, wird in Igiaba Scegos Roman zu Gunsten einer post-kolonialen Autor:innenschaft entkräftet, die aus dem ewigen Schatten der Macho-Imperien hervortritt und post-koloniales, vielfältiges soziokulturelles Leben sein kann.

81. Todestag Bayume Mohamed Husen

Abdulrazak Gurnah hat in seinem Roman „Nachleben“ (2022) die Figur des Ilyas Mahjub bin Adam Mohamed (besser bekannt unter dem Namen Bayume Mohamed Husen) nachempfunden.


… Ilyas lächelte, widersprach und zog den Lehrer seinerseits auf. Sein fröhliches Lachen und seine bescheidene Art führten dazu, dass die Leute sich in seiner Gegenwart wohlfühlten und er schnell neue Freundschaften schloss. So war das immer. …

Abdulrazak Gurnah. Nachleben. Aus dem Englischen übersetzt von Eva Bonné. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München 2022

Am 24.11.1944 starb Mahjub bin Adam Mohamed (Bayume Mohamed Husen) im Konzentrationslager Sachsenhausen vor den Toren Berlins. Er war am 22. Februar 1904 in Daressalam, damals „Deutsch-Ostafrika“ (heute: Tansania) und damit in eine von Deutschen kolonialisierte, brutal beherrschte Welt geboren worden. Er wuchs mit der Kolonialmacht „Deutsches Reich“ auf und musste bereits als Kindersoldat im Ersten Weltkrieg diesem Deutschen Reich dienen. Danach arbeitete er in einer deutschen Textilfabrik (Strecker) und auf den Schiffen von Woermann. Was für ein Deutschland hatte sich der Heimat Mahjub bin Adam Mohamed bemächtigt? Kolonialistische, rassistische Krieger wie Hermann von Wissmann und Carl Peters hatten „deutscher Wirtschaft“, deutscher Politik und ihrem passiv aggressiven Publikum daheim, im Deutschen Kaiserreich, mit der „Taktik der Verbrannten Erde“ Ende der 1880er Jahre neues Land erbeutet und viele Menschen ermordet. Bismarck persönlich hatte anfangs sein Placet gegeben. Wer diesem deutschem Kolonialismus zum Opfer fiel, war – ob tot oder lebendig – immer eine Trophäe, die „Erfolge“ beglaubigen, für Investitionen werben, „deutschen Ruhm und deutsche Ehre“ mehren musste. Wie so oft waren die Deutschen auch in Deutsch-Ostafrika recht deutlich in ihrer Menschenverachtung, warum auch nicht – schließlich hatte Wissmann das Kriegsrecht verhängt, alles „rechtens“ also. Wer sich nicht bedingungslos den Deutschen unterwarf, war ein „Aufständischer“ und wurde ermordet. Der Todesarten waren viele, der Überlebensmöglichkeiten nur eine: Anpassung, völlige Dienstbarkeit. Das hatte bereits der Vater von Mahjub bin Adam Mohamed erlebt – er hatte in der Kaiserlichen Schutztruppe gedient. 


Mit Wissmann und Peters waren Raub und Mord an der Tagesordnung. Carl Peters war derart obsessiv sadistisch, dass er sich durchaus der einen oder anderen kritischen Bemerkung im Deutschen Reich stellen musste – der deutsche Faschismus „rehabilitierte“ ihn und kein Geringerer als Hans Albers lieh ihm Stimme und Gestalt für den Film „Carl Peters“, der im März 1941 ins Kino kam. Mahjub bin Adam Mohamed (Bayume Mohamed Husen) spielte die Rolle des Ramasan, einen Bediensteten von Carl Peters (Hans Albers). Bei den Dreharbeiten lernte er eine deutsche Frau kennen – und wurde wg. einer „Straftat“ denunziert, die der Unrechtsstaat noch nicht für „außerehelichen Geschlechtsverkehr“ kodifiziert hatte: „Rassenschande“. Daher erwies sich zwar die Gestapo als „unzuständig“ – aber Lücken im eigenen Unrechtssystem wusste der deutsche Faschismus zu nutzen: Mahjub wurde ins KZ Sachsenhausen deportiert und verstarb dort nach jahrelanger Qual am 24.11.1944  an den Folgen dieser Internierung. Die neokolonialistische Bewegung der 1920er Jahre, angesichts des „Verlustes“ der „Schutzgebiete“ nach Niederlage im Ersten Weltkrieg, hatte ihren 1918 verstorbenen Carl Peters längst in die Ruhmeshallen der Nazis überführt. Nun hatte Deutschland längst begonnen, die ganze Welt mit Krieg, Vernichtung, Völkermord und Hass-Ideologien zu überziehen – da machte sich ein prominent besetzter Film über „Carl Peters“ besonders gut. 

Foto: Carsten Jenß

Zum 80. Jahrestag der Nürnberger Prozesse

Heute vor 80 Jahren begannen die Nürnberger Prozesse vor dem Internationalen Militärtribunal gegen die obersten Vertreter des NS-Staates, die man hatte festsetzen können. Die insgesamt 13 Verfahren, die zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 im Justizpalast Nürnberg geführt wurden, werden völlig zu Recht weltweit als wegweisend angesehen. Denn in ihnen gelang es erstmals, staatliche Verbrechen mit den Mitteln des Rechts zu bewerten und zu sühnen.

Die staatlich organisierten Massenverbrechen der Nazis während des Zweiten Weltkriegs verstießen nicht nur gegen alle geltende Regelungen des Kriegsvölkerrechts, wie sie in der Haager Landkriegsordnung und den Genfer Konventionen fixiert waren, sondern stellten einen nie dagewesenen Zivilisationsbruch dar. Die Alliierten beschlossen daher noch während des Krieges die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen sowie die politische Beseitigung des diesen Verbrechen zugrunde liegenden Nationalsozialismus und Militarismus. Sie sahen die rechtstaatliche Abrechnung mit dem NS-Staat als notwendige Voraussetzung für den endgültigen Bruch mit der Diktatur und zur demokratischen Neubegründung einer Nachkriegsordnung in Deutschland. In deren Zentrum sollten die vier großen „D“ stehen: Denazifizierung, Demokratisierung, Dekartellisierung und Demilitarisierung.

Das erste und mit Abstand berühmteste Verfahren, das vom 20.11.1945 bis zum 1.10.1946 geführt wurde, richtete sich gegen die deutsche Partei- und Staatsführung. Nachdem sich Hitler, Goebbels und Himmler durch Selbstmord der Verantwortung entzogen hatten, waren in diesem Hauptverfahren 24 Personen angeklagt, darunter Göring, Heß, Frank und Dönitz. Am 1. Oktober 1946 verkündeten die Richter das Strafmaß der Urteile: Neben zwölf Todesurteilen wurden sieben Haftstrafen unterschiedlicher Dauer verhängt. Mit Franz von Papen, Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht und Hans Fritzsche, dem Leiter der Rundfunkabteilung im Propagandaministerium, wurden drei der Angeklagten freigesprochen.

In Anschluss an den Hauptprozess fanden 1946-49 zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse vor amerikanischen Militärgerichten gegen 177 hochrangige Mediziner, Juristen, Industrielle, SS- und Polizeiführer, Militär, Beamte und Diplomaten statt. Die Verfahren belegen, in welchem Ausmaß die deutsche Führungsschicht zum Machtsystem der NS-Gewaltherrschaft beigetragen hatte. Neben der strafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen leisteten die sogenannten Nachfolgeprozesse gegen die Funktionseliten des ‚Dritten Reiches’ einen frühen, wichtigen Versuch, zu einer historischen Analyse des NS-Staates zu gelangen, die die historische Verantwortung nicht einer kleinen Clique ideologischer Überzeugungstäter, sondern breiten gesellschaftlichen Trägergruppen zuwies. 

Der Kalte Krieg führte jedoch dazu, dass die Entnazifizierungspolitik, besonders der Westalliierten, übereilt abgebrochen wurde. In der BRD wurde die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zugunsten einer neuen Feindstellung gegen den Kommunismus weitgehend aufgegeben und die Politik in Richtung eines Rehabilitierungskurses geändert. Von Politik und Öffentlichkeit wurden die Prozesse vor allem als „Siegerjustiz“ diffamiert. Die Solidarisierung mit den verurteilten Tätern und die frühe Gesetzgebung der Bundesrepublik zielten insbesondere auf eine Amnestierung der verurteilten Täter bzw. ein Ende der juristischen Aufarbeitung ab und waren erfolgreich: Im Verlauf der 1950er Jahre kamen fast alle Verurteilten der 13. Nürnberger Prozesse wieder auf freiem Fuß.

So muss die Bilanz der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen vor bundesdeutschen Gerichten insgesamt als beschämend und weitestgehend gescheitert bewertet werden.

Foto: Carsten Jenß

20. November 1695: Todestag von Zumbi, Tag des afrobrasilianischen Bewusstseins in Brasilien
20. November 2025: Kanzler Merz ist seit ein paar Tagen aus Bélem/Brasilien zurückgekehrt.

Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Kulturstaatsminister Weimer passen hervorragend zueinander. Der eine streicht den Kolonialismus aus dem Gedenkstättenkonzept des Bundes, der andere nutzt auch den Klimagipfel in Bélem/Brasilien, am Amazonas, um seine arrogante,  zutiefst kolonialistische Weltsicht zur Geltung zu bringen. Welche Erkenntnis brachte Klima-Totalverweigerer Merz vom Amazonas mit?


„Meine Damen und Herren, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt. Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben. Die waren alle froh, dass wir vor allem Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.“ 

(https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-kanzler-handelskongress-2393818)

Brasilien war nicht nur jahrhundertelang Teil des „transatlantischen Dreiecks“, in dem Menschen von Europäern auf dem afrikanischen Kontinent versklavt, auf die amerikanischen Kontinente verschleppt und zur Produktion von Gütern gezwungen wurden, die sich in Europa zu Höchstpreisen verkaufen ließen: zum Wohle weniger superreicher Leute. Volkswagen beispielsweise war es auch im 20. Jahrhundert ein Anliegen, in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der brasilianischen Militärdiktatur, Sklavenhaltermoral walten zu lassen und Menschen schlimmstmöglich auszubeuten.

Vor genau dieser arroganten Sklavenhaltermoral haben sich versklavte Menschen in Brasilien jahrhundertelang in Sicherheit gebracht. Eine ihrer Leitfiguren war Zumbi, der am 20. November 1695 gestorben ist. Sein Todestag wird heute als „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ oder „Tag des afrobrasilianischen Bewusstseins“ begangen und erinnert an die Refugien von Solidarität, die Menschen, ihrer Versklavung entkommend, im Zeichen des sog. „Quilombismo“ seit ca. 1600 aufgebaut haben. Das Haus der Kulturen der Welt, wenige Meter vom Kanzleramt entfernt, widmete dem Quilombismo 2023 eine große, wunderbare Ausstellung. Viele Künstler:innen, Aktivist:innen, Denker:innen von allen Kontinenten waren dort vertreten und brachten dort Kulturen, Lebens- und Produktionsweisen ins Spiel, von denen der offizielle „Westen“ nichts wissen will, da sie die Menschen und den Planeten nicht ausbeuten. Bereits in der Eingangshalle war das HKW 2023 in anderem Licht zu erleben. Die Säulen hatte Amina Agueznay durch ihre Einkleidung (s. Abbildung). auf freundlichste Art der HKW-Architektur entfremdet und „entwendet“: Zwischen ihnen entspann sich eine Landschaft solidarischen Plauderns und froher Debatten.      

 

Anna Seghers: 
Zwei Denkmäler

Die Erinnerung an Menschen anlässlich ihrer Geburts- und Todestage wird oft mit einem Denkmal oder einer Fotografie illustriert, die ihrer Bedeutung für eine größere Öffentlichkeit gerecht werden sollen. Mit ihrem Prosa-Text „Zwei Denkmäler“ (1965) wirft die heute vor 125 Jahren geborene Anna Seghers (gebürtig Annette „Netti“ Reiling, verheiratet als Netty Radványi, Tochter einer jüdischen Familie in Mainz, verstorben am 1. Juni 1983 in Ost-Berlin), vor allem Fragen auf: Fragen nach den Orten, Zeiten, Formen des Erinnerns. Dieses Erinnern, das Seghers mit den „zwei Denkmälern“ in ihrer Geburtsstadt Mainz verbindet, ist nichts, was jemand an zentralem Gedenkort ablegen und „auf sich beruhen lassen“ könnte. Anna Seghers erinnert in ihrem kurzen Prosatext an den Mainzer Dom, einen flachen Gedenkstein im Pflaster der Mainzer Innenstadt und ein Werk, das in den Jahren verloren ging, als sie, jüdischer Herkunft und Kommunistin, den deutschen Faschismus im Exil überlebte. Der flache Gedenkstein erinnerte nach dem Ersten Weltkrieg an die Frau des jüdischen Weinhändlers Epsteins, die für ihre Tochter Milch holen wollte und bei einem Luftangriff ums Leben gekommen war.  Diesen Gedenkstein, schreibt Seghers, habe sie bei ihrem letzten Besuch in Mainz nicht wiedergefunden. Der Versuch einer literarischen Entwicklung der Geschichte des Mädchens, das die Mutter, Frau Epstein, mit ihrer Milch nicht mehr erreicht hat, ist zwischen den Stationen des Exils von Anna Seghers verloren gegangen: 

„Ich hatte die Absicht, in dem Buch zu erzählen, was aus diesem Mädchen geworden ist.“ 

(Anna Seghers. Zwei Denkmäler. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Atlas [– Deutsche Autoren über ihren Ort.] Berlin 1965 / Berlin 2004)

Angesichts dieses Textes von Anna Seghers sucht die Erinnerung nach einem Lebens- und Gedenkort für die jüdische Mainzer Familie Epstein oder zumindest nach jener Mainzer Straße, in der ein Gedenkstein, nach dem Ersten Weltkrieg verlegt, an die Mutter erinnert haben soll. Ihrer Tochter sollte sich eine zwischen den Stationen des Exils entstehende, zwischen den Stationen  des Exils verschollene Erzählung von Anna Seghers widmen. Entspricht die Ungewissheit über den Ort des Gedenksteins im Straßenbild der Ungewissheit über den Verbleib der Erzählung von Anna Seghers zwischen Marseille, Martinique, New York und Mexiko? Wo ist ein Ort für die Opfer deutscher Menschheitsverbrechen? In welchen Räumen der Erinnerung und des täglichen Lebens finden sie Platz und mahnen zum antifaschistischen Widerstand? Anna Seghers setzt sich selbst und die Leser:innen der Ungewissheit aus, ob die Tochter der Familie Epstein überlebt hat. Ob Herr Epstein vielleicht überlebt hat? Ob noch ein Gedenkstein im Straßenpflaster von Mainz an sie erinnert und wie dieser Gedenkstein, nach dem Ersten Weltkrieg verlegt, 1965 aussehen müsste, um der Unvorstellbarkeit der Shoa gerecht zu werden. Eine solidarische, intergenerationelle,  interkontinentale Recherche könnte 1965 ebenso wie 2025 an diesen Gedenkstein und Anna Seghers‘ Erinnerungen anknüpfen. –Dem Mainzer Dom, von Seghers 1965 nicht ohne Verzicht auf sein „Ewigkeits-Renommee“ ins Gedächtnis gerufen, steht die schmerzhafte Erinnerung an verschollene und/oder deportierte, ermordete Mitbürger:innen gegenüber. Dieser Dom allerdings hat 1965 eine Vorgeschichte in Seghers‘ ab 1938 entstandenem Roman „Das siebte Kreuz“, der eben dieses Ewigkeitsrenommee ins Visier nimmt.: Georg Heisler ist dem KZ Westhofen entkommen und findet sich auf seiner Flucht im Mainzer Dom eingeschlossen. In der Nacht wächst sich der Dom mit seinen Denkmälern von Potentaten, die ewige Macht beanspruchen, zum Sinnbild eines realpolitischen Traumas aus. Ein „tausendjähriges Reich“ verleibt sich alle Ikonographien von Ewigkeit und Autorität  ein, ihre Einverleibung haben die Kirchen größtenteils aktiv betrieben, Antijudaismus und Antisemitismus sind untrennbar mit kirchlicher Ideologiegeschichte verbunden. 

„… Fünf Meter von ihm entfernt, vom nächsten Pfeiler, traf ihn der Blick eines Mannes, der dort mit Stab und Mitra an seiner Grabplatte lehnte. Die Dämmerung löste den Prunk seiner Kleider auf, die von ihm wegflossen, aber nicht seine Züge, die klar, einfach und böse waren. Seine Augen verfolgten Georg, der an ihm vorbeikroch. … Die Dämmerung drang nicht von außen ein wie an gewöhnlichen Abenden. Der Dom schien sich aufzulösen und zu entsteinern. … Alles Steinerne war am Verdunsten, und nur Georg war vor Schreck versteinert. Er schloss die Augen. Er tat ein paar Atemzüge, dann war es vorbei … Er suchte sich ein Versteck. … An dem Pfeiler, vor dem er jetzt hockte, lehnte, gleichmütig aus seiner Grabplatte über ihn hinwegsehend, ein runder gesunder Mann, auf seinem vollen Gesicht das dreiste Lächeln der Macht. …“ 

(Anna Seghers. Das siebte Kreuz – Roman aus Hitlerdeutschland. Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2018) 

„Ein runder gesunder Mann, auf seinem vollen Gesicht das dreiste Lächeln der Macht …“ Die Dämmerung des Mainzer Domes entkleidet die Potentaten ihres Prunks. Übrigbleiben „Physiognomien der Macht“, wie sie schon George Grosz in den 1920er Jahren zu malen wusste. Georg Heisler sieht dem Mörder jedes antifaschistischen Widerstandskampfes ins Gesicht. Aber eine Dämmerung, in der sich der Prunk auflöst und die strukturellen „Physiognomien“ der Machtverhältnisse zu Tage treten, ist möglich. Von dieser Hoffnung ist der Roman von Anna Seghers getragen, der in gekürzter Fassung auch den US-amerikanischen Soldaten mit auf den Weg in den Kampf gegen das faschistische Deutschland gegeben wurde, während Seghers selbst bis 1947 in Mexiko lebte und überlebte, nachdem ihr die Einreise in die USA verweigert worden war. Ab 1938, in Südfrankreich, begann Anna Seghers mit ihrer Arbeit an dem Roman „Das siebte Kreuz“. Irgendwo dort zwischen Marseille, New York, Martinique und Mexiko ging der Beginn einer Geschichte des Mädchens verloren.
Wie sich der purpurne Pomp der Macht in der Dämmerung des Domes auflöst und die Gesichtszüge der Macht entblößt, erinnert an die Verse der am 19. November 1887 in NYC verstorbenen Emma Lazarus (*22.07.1849/New York City), die man 1903 dem Sockel der Freiheitsstatue eingraviert hat: 

„Keep, ancient lands, your storied pomp!“ cries she / With silent lips. „Give me your tired, your poor, / Your huddled masses yearning to breathe free …” 

Diese Verse vom „storied pomp“ Europas, die Emma Lazarus, Tochter sephardischer Juden, der Statue of Liberty souffliert, diese Verheißung einer Zuflucht für die Armen und Entrechteten der Welt – werden auch von Donald Trump mit aller Macht dementiert, der „storied pomp“ Europas mit Triumphbögen und Ballsälen zum goldenen Alptraum gesteigert. Die Verse von Emma Lazarus sind zu allen Zeiten eine unabgegoltene Hoffnung. Heute sind sie der unauslöschlichen Hoffnung von Emma Lazarus, einer Suchbewegung nach der jungen Frau Epstein, antifaschistischem Widerstand weltweit über alle Grenzen hinweg eingeschrieben. 

In der Dämmerung des Domes sieht Georg Heiser dem gewalttätigen Ewigkeitsanspruch des Faschismus ins Auge. 1934 brachte Max Horkheimer (*14.02.1895/Zuffenhausen - 7.07 1973/Nürnberg, 1933 über Genf in die USA/New York emigriert), unter dem Pseudonym Heinrich Regius, „Dämmerung - Notizen in Deutschland“, mit Texten, die ab 1926 entstanden waren, im Verlag Oprecht & Helbling in Zürich heraus. In der ersten Notiz, mit „Dämmerung“ überschrieben, heißt es, 

„auch die Dämmerung des Kapitalismus“ brauche „nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.“

Es gilt, nicht vor Schreck zu versteinern, faschistische Muster in Politik und Gesellschaft zu brechen, bevor es zu spät ist.
 

Mit Nathan Coleys Lichtskulptur „I Don’t Have Another Land“ eröffnet die Stiftung Exilmuseum an der Portalruine des Anhalter Bahnhofs eine neue Reihe künstlerischer Installationen. Diese widmen sich dem historischen Ort und seiner Bedeutung und übertragen zugleich den Exil-Begriff aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Die Arbeit geht auf ein Graffiti zurück, das Coley Mitte der 2000er-Jahre in Jerusalem entdeckte. Der prägnante Satz bleibt bewusst offen: Er kann sowohl als Verweis auf die Geschichte des Ortes gelesen werden als auch als Kommentar zu aktuellen Fragen von Zugehörigkeit und Identität. Durch diese Vielschichtigkeit lädt die Skulptur dazu ein, über historische Erfahrungen und gegenwärtige Perspektiven ins Gespräch zu kommen.

Foto: Carsten Jenß

Das Foto zeigt die Skulptur „Zwei Beton-Cadillacs in Form der Nackten Maja“ von Wolf Vostell (Berlin 1987)

Foto: Carsten Jenß

Hans Magnus Enzensberger: Helden des Rückzugs

11. November: Der Beginn der fünften Jahreszeit und gleich zwei Geburtstage im Kanzleramt: Kanzler Friedrich Merz (70) und Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer (61). Friedrich Merz und Wolfram Weimer kommen bei mir nie ungeschoren davon. Heute aber schreiben ganz sicher viele andere etwas Kluges oder Lobhudeliges über die beiden, Jecken und Jeckinnen wissen sich auch ohne Hinweise von mir  zu amüsieren. Darum will ich die Gelegenheit nutzen und an jemanden erinnern, der erstaunlicherweise viel zu schnell aus dem Alltagsbewusstsein verschwunden ist.

Als Hans Magnus Enzensberger am 24. November 2022 starb, ahnten viele, dass dies ein verdammt großer Verlust sein würde. Drei Jahre später lässt sich das Fehlen dieses Multi-Intellektuellen par excellence deutlich spüren. Als Dichter, Essayist, Biograph, Herausgeber, Redakteur und Übersetzer gehörte Enzensberger zu den einflussreichsten Intellektuellen der frühen Bundesrepublik und prägte jahrzehntelang das geistige Geschehen hierzulande. Heute vor 96 Jahren, am 11.11.1929 In Kaufbeuren in eine gutbürgerliche katholische Familie geboren, wuchs er anschließend in Nürnberg auf, wo sein Vater das Amt des Oberpostdirektor ausübte. Nachdem er noch mit der Begründung, er sei trotzig und ein Querulant, aus der Hitlerjugend ausgeschlossen worden war, wurde er in den letzten Kriegstagen zum „Volkssturm“ herangezogen, um als Kanonenfutter für Hitlers letztes Aufgebot zu dienen. Doch auch hier konnte er sich dem Dienst entziehen und nach Hause durchschlagen. Nach der Befreiung studierte Enzensberger Literaturwissenschaft und Philosophie und stieß zur Gruppe 47. Insbesondere mit dem von ihm gegründeten und herausgegebenen Kursbuch wurde er zu einer Orientierungsfigur für die Studenten- und gesamte 68er-Bewegung. Irgendwie war er, solange ich denken kann, immer da. In allen gut sortierten Bücheregalen oder mit politischen Interventionen. Da wo andere schwiegen oder undeutlich schwiemelten fand er klare und meist richtige Worte. Zur Rolle und Macht der Medienkonzerne, zur Überwachung, zur Ausbeutung. Es lohnt, immer mal wieder nachzugucken, was er zu den Problemen unserer Zeit zu sagen hat. Extrem hellsichtig war z.B. sein Text „Helden des Rückzugs - Brouillon zu einer politischen Moral der Entmachtung“:

„In jeder europäischen Hauptstadt findet man dort, wo der Raum seine höchste symbolische Verdichtung erreicht, also im Zentrum, eigentümlich korpulente Zentauren vor … : Die Chimäre hoch zu Ross stellt den europäischen Helden vor, eine imaginäre Gestalt, ohne den die bisherige Geschichte des Erdteils gar nicht zu denken wäre. Seit der Erfindung des Automobils hat der Weltgeist zu Pferde abgesattelt; Lenin und Mussolini, Franco und Stalin kamen ohne wiehernden Unterbau aus. Dafür nahmen die Stückzahlen zu, karibische Inseln wurden beliefert, und die Stiefelgrößen der Darsteller erreichten nicht selten das Format eines Einfamilienhauses. Inflation und Elefantiasis kündigten das nahe Ende der Heroen an, denen es nie um etwas anderes gegangen war als um Eroberung, Triumph und Größenwahn.

Die Schriftsteller haben es geahnt. Schon vor über einem Jahrhundert hat sich die Literatur von jenen überlebensgroßen Figuren, an deren Erschaffung sie von Anfang an beteiligt war, verabschiedet. …

Dagegen hat es die sogenannte große Politik am klassischen Heldenschema bis auf den heutigen Tag ebenso verbissen wie hilflos festgehalten. …

Ein deutscher Philosoph hat gesagt, es komme am Ende dieses Jahrhunderts nicht darauf an, die Welt zu verbessern, sondern darauf, sie zu verschonen. Dieser Satz gilt nicht nur für jene Diktaturen, die vor unseren Augen kunstvoll abgewrackt worden sind. Auch den westlichen Demokratien steht eine Abrüstung bevor, für die es keinen Präzedenzfall gibt. Der militärische Aspekt ist nur einer unter vielen. Andere unhaltbare Positionen sind im Schuldenkrieg gegen die Dritte Welt zu räumen, und der schwierigste aller Rückzüge steht in jenem Krieg bevor, den wir seit der Industriellen Revolution gegen unsere eigene Biosphäre führen.

… So kann eine Energie- und Verkehrspolitik, die diesen Namen verdient, nur mit einem strategischen Rückzug eingeleitet werden. Sie erfordert die Zerlegung von Schlüsselindustrien, die auf lange Sicht nicht weniger bedrohlich sind als eine Einheitspartei. Die Zivilcourage, die dazu nötig wäre, steht der kaum nach, die ein kommunistischer Funktionär aufzubringen hatte, als es darum ging, das Monopol seiner Partei abzuschaffen.“

Hans Magnus Enzensberger. Helden des Rückzugs – Brouillon zu einer politischen Moral der Entmachtung. In: Hans Magnus Enzensberger. Zickzack: Aufsätze. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. (Erstveröffentlichung: 12/1989)

19. Oktober 1965: 
Uraufführung von Peter Weiss' "Die Ermittlung" 
Eine Kulturindustrie des Vergessens gibt den Takt vor

Am 19. Oktober 1965 wurde „Die Ermittlung“ von Peter Weiss uraufgeführt. In Ost- und West-Berlin sowie weiteren Städten in der damaligen DDR und BRD. Peter Weiss, der sich selbst nie verzeihen wollte, den Holocaust im Exil überlebt zu haben, hatte dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main beigewohnt und dieses „Oratorium in 11 Gesängen“ aus den Protokollen entwickelt. Diese Protokolle ließen - ganz im Gegensatz zur Bundespolitik der Kanzler-Adenauer-CDU und ihren Fans damals- die Tatmuster und ideologischen Voraussetzungen deutscher Menschheitsverbrechen zwischen 1933 und 1945 sichtbar werden.

Wie auch aus seinem Werk „Das Inferno“ ersichtlich wird, war zumindest die Wirtschaftswunder-BRD nicht wiederzuerkennen für jemanden, der wie Peter Weiss den Holocaust im Exil überlebt hat. Zu diesem Deutschland passte, dass Die Zeitung „Die Welt“ nicht gut auf Peter Weiss zu sprechen war. Da nun in der „Ermittlung“ auch die kapitalistische Verfasstheit NSDAP-Deutschlands nicht verschwiegen wurde, witterte „Die Welt“ tatsächlich „antiwestliche Agitation“. Erwin Piscator (1893-1966), Intendant der Freien Volksbühne in West-Berlin und Regisseur der West-Berliner Uraufführung, hatte neben NSDAP-Deutschland auch den Stalinismus überlebt, um nun als Intendant im Verdacht zu stehen, „antiwestlicher Agitation“ Beihilfe zu leisten. Bereits in den 1920er Jahren war Piscator in Berlin mit seinem politischen, multimedialen Theater, Wegbereiter von Ästhetik und Praxis avancierten Theaters für das 20. und 21. Jahrhundert geworden. Im Programmheft der Berliner Uraufführung 1965 bezog Erwin Piscator Stellung zu den Angriffen der „Welt“ auf Peter Weiss: 

„Hier wird aus Verärgerung oder Enttäuschung darüber, dass der Autor Peter Weiss – übrigens lange nach Fertigstellung der „Ermittlung“ – ein höchst unpopuläres politisches Bekenntnis abgelegt hat, sein Werk rückwirkend ideologisch „madig“ gemacht, als benutze er das Thema Auschwitz lediglich als Vehikel für antiwestliche Agitation. Das aber ist eine Unterstellung von infamer Unkenntnis der Sachlage. Peter Weiss beschäftigt sich ausschließlich mit jenen FAKTEN, die Auschwitz heißen; sein Text ist ein „Konzentrat der Aussage“ (Weiss) des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Es kann durchaus sein, dass die FAKTEN gegen uns sprechen, gegen unsere Art, sie zu bewältigen; sie sprechen aber auf jeden Fall gegen eine Publizistik, die die Fakten um jeden Preis als manipulierte Propaganda abzustempeln sucht.“


Im Schatten des neuen Hauptfeindes UDSSR ließen sich deutsche Verbrechen beschweigen, die Täter befördern, deren Opfer totschweigen: Hans Globke, engster Berater und Vertrauter von Kanzler Adenauer (1953 bis 1963) und mitverantwortlich für die „Nürnberger Rassengesetze“, stand ursprünglich auch für eines der vielen Gesichter faschistischer Kontinuitäten in Peter Weiss‘ Stück „Inferno“ Modell. Anfangs als Teil einer Dante-Trilogie (Inferno-Purgatorio-Paradiso) konzipiert, löste Weiss „Die Ermittlung“ („Paradiso“) schließlich aus dem Konvolut heraus. Das „Purgatorio“ hat Weiss nicht vollendet, das „Inferno“ legt ebenso realistisches wie surreales Zeugnis ab von einem Deutschland, das für einen Menschen, der aus dem Exil „heimzukehren“ versucht, viele Fratzen im Repertoire hat – und sich an nichts und niemanden erinnert: Der antisemitische Faschismus eines „Tausendjährigen Reiches“ ist nun ungeschriebenes Gesetz einer „funktionierenden“ Wirtschaft und Kulturindustrie geworden. Wer wie Dante Alighieri in Peter Weiss‘ „Inferno“ der geliebten Beatrice seine Kunst gewidmet hat, sieht sich einem Deutschland gegenüber, dem die Vernichtung von Mensch und Kunst unter dem Namen „Beatrice“ durch den Holocaust, keine Pause im Betriebsablauf wert ist: 

„Jetzt Alighieri / denke dir ein andres Bild / das schnell verging“

 Eine Kulturindustrie des Vergessens gibt den Takt vor.

Peter Weiss‘ „Inferno“ und „Die Ermittlung“ vermitteln auch eine Vorstellung davon, mit welcher Ohnmacht Überlebende der Shoa und aller anderen deutschen NS-Völkermorde sich einem solchen Deutschland jahrzehntelang gegenübersahen: Bis aus Konzentrationslagern wenigstens Gedenkstätten wurden, Bund und Länder sich zu gemeinsamer Verantwortung durchrangen – viele Opfer des deutschen Faschismus die Leugnung ihrer Existenz bis ans Ende ihres Lebens hatten erleiden müssen. 

19. Oktober 1965
Uraufführung
Die Ermittlung
Oratorium in 11 Gesängen 
von Peter Weiss 
(8. November 1916 / Nowawes bei Potsdam bis 10. Mai 1982 / Stockholm)

UA in West-Berlin: Freie Volksbühne. 
Regie und Intendanz des Hauses: Erwin Piscator (17. Dezember 1893/ Ulm bis 30. März 1966 /Starnberg)

Die Uraufführungsorte in BRD und DDR waren: 
West-Berlin, Ost-Berlin, Altenburg, Cottbus, Dresden, Erfurt, Essen, Gera, Köln, Leipzig, Leuna, München, Neustrelitz, Rostock

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Gedanken zu den nachfolgenden Zitaten aus den Werken von Peter Weiss
In seinem Beitrag zu „Deutsche Autoren über ihren Ort“, ebenso wie „Die Ermittlung“ 1965 veröffentlicht bzw. uraufgeführt, beschreibt Peter Weiss seinen Besuch der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz. Für ihn ist dieser Ort etwas Bleibendes, die furchtbare Persiflage jeder Rede vom „Schicksalhaften“ und gleichzeitig dessen Realität: Peter Weiss war für diesen (Un-)Ort der totalen Vernichtung bestimmt. Das „Bleibende“ dieses (Un-)Ortes ist gleichzeitig „persönlich“ und repräsentativ für die Weigerung der Bundesrepublik, sich ernsthaft der eigenen Verantwortung zu stellen. Als Zeichen dafür steht am Ende der ausgewählten Passage des Textes ein Satz im Präsenz: „Auf dem Bahnhof von Auschwitz scheppern die Güterzüge.“ Im Scheppern ist die totale Leugnung von Menschen, ihre Herabstufung zu „Gütern“ und „Vieh“ gleichbleibend präsent. 

Wenn Zeuge 1 in „Die Ermittlung“ die Leere dieser Züge damit „erklärt“, die Menschen, die er überhaupt nicht gesehen haben will, seien „dort angesiedelt worden“, kann auch dieses „Scheppern“ aus dem autobiographischen Text von Peter Weiss eine solche Leugnung, Verachtung und Vernichtung von Menschen kommentieren.

„ja das war Kunst“: Nostalgie-Seufzer eines saturierten Bildungsbürgertums, das kein Problem damit hat, sich an vergangenen „Ewigkeiten“ zu erfreuen und deren „ewige“ Reproduzierbarkeit zu bejubeln. Die Shoa, die einen solchen Kunstbegriff allerspätestens hätte als zynisch und obsolet erscheinen lassen können, wird – dank unendlicher Reproduzierbarkeit von „Schönheit“ und „Ewigkeit“ – und mit ihr alle Opfer und Überlebenden ignoriert: 

„Jetzt Alighieri
denke dir ein andres Bild
das schnell verging“


Auszug aus: Peter Weiss. Meine Ortschaft.
In: Atlas – Deutsche Autoren über ihren Ort. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1965. 

Die Städte, in denen ich lebte, in deren Häusern ich wohnte, auf deren Straßen ich ging, mit deren Bewohnern ich sprach, haben keine bestimmten Konturen, sie fließen ineinander … sie sind vorhanden im Grundmuster meines Umherwanderns …
Nur diese eine Ortschaft, von der ich seit langem wusste, doch die ich erst spät sah, liegt gänzlich für sich. Es ist eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam. Ich habe selbst nichts in dieser Ortschaft erfahren.  … 
Ich habe keine andere Beziehung zu ihr, als dass mein Name auf den Listen derer stand, die dorthin für immer übersiedelt werden sollten. Zwanzig Jahre danach habe ich diese Ortschaft gesehen. Sie ist unveränderlich. …
Auf dem Bahnhof von Auschwitz scheppern die Güterzüge.

__


Peter Weiss. Die Ermittlung.
In: Peter Weiss. Dramen 2. Suhrkamp/Frankfurt am Main 1968.

…Richter:  Sie wussten
                   dass die Züge mit Menschen beladen waren

Zeuge 1: Wir erfuhren nur
                  dass es sich um Umsiedlertransporte handelte
                  die unter dem Schutz des Reiches standen

Richter: Über die vom Lager regelmäßig 
                  zurückkehrenden Leerzüge
                  haben sie sich keine Gedanken gemacht

Zeuge 1: Die beförderten Menschen
                   waren dort angesiedelt worden

 …


Peter Weiss. Inferno. Herausgegeben von Christoph Weiß. 
Suhrkamp/Frankfurt am Main 2003.

Dante:
Ich gehöre zu den letzten
die noch am Leben sind von jenen
die zur Verbrennung verurteilt wurden
Wenn wir vergehn vergeht auch 
jede Erinnerung an sie
Sie dich ich nicht mehr erreichen konnte 
ging den Weg dem ich entkam 
mir blieb nur übrig 
sie in meinen Gedanken 
lebendig zu erhalten.

Tschakko:
Ich hab mal ein Gedicht von dir gelesen 
in dem Gedicht beschriebst du ihre Schönheit

ja das war Kunst
das war ein Bild das sich 
für alle Ewigkeiten hielt
Jetzt Alighieri
denke dir ein andres Bild
das schnell verging

Das Foto zeigt das Programmheft der Uraufführung auf der Fraktionsebene des Bundestags. Im Programmheft ist eine Szene abgebildet, in der Regisseur Erwin Piscator mit den Schauspieler:innen die Vorbereitung der Uraufführung an der Freien Volksbühne bespricht.

Foto: Carsten Jenß

Der Gedenkort „Passagen“ (entworfen von Dani Karavan) ist ein 1994 eröffnetes Denkmal für den jüdisch-deutschen Philosophen Walter Benjamin und die Exilierten der Jahre 1933–1945 an seinem Sterbeort Portbou an der Costa Brava

Foto: Wamito 

85. Todestag Walter Benjamins

Walter Benjamin – jüdisch-deutscher Philosoph, Exilant, Opfer des Faschismus. Seine Flucht vor den Nationalsozialisten endete in Portbou. Verzweifelt angesichts drohender Auslieferung an die Gestapo und nach tagelanger Flucht ohne Aussicht auf Rettung, nahm sich Benjamin am 26.09.1940 das Leben – also heute vor 85 Jahren. Dani Karavans Denkmal „Passagen“ befindet sich am Friedhof von Portbou, dort, wo Benjamin bestattet wurde. Das Denkmal erinnert an ihn und Benjamin erinnert uns an alle, die vor dem faschistischen Terror fliehen mussten, und an all jene Opfer faschistischer Gewalt, die totgeschwiegen und aus der Geschichte gedrängt wurden.

Linke Erinnerungspolitik heißt Widerstand: Wir machen die Geschichten der vom Faschismus, Antisemitismus und Rassismus Verfolgten, Widerständigen und Namenlosen sichtbar. Gerade jetzt ist das Erinnern ein politischer Akt gegen das Vergessen, gegen rechte Geschichtsverzerrung und für Solidarität mit denjenigen, deren Stimmen totgeschwiegen und aus der Geschichte gedrängt wurden.

Unser Auftrag ist es, an Geschichten von Widerstand und Verfolgung zu erinnern. Sie müssen unser kollektives Bewusstsein prägen. Sie müssen uns warnen vor rechten, faschistischen Kräften, die gerade heute immer lauter werden. Wir dürfen nicht wegschauen. Solidarität heißt: Zusammenstehen, Hass entgegentreten und gemeinsam für eine offene Gesellschaft zu kämpfen.

Zum 52. Jahrestag des faschistischen Militärputsches gegen die sozialistische Regierung in Chile

Heute jährt sich der faschistische Militärputsch in Chile zum 52. Mal. Mit massiver Unterstützung der USA wurde der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende gestürzt und das erste Experiment des Aufbaus eines demokratischen und pluralistischen Sozialismus blutig beendet.

 

Die Regierung der Unidad Popular (UP), ein Zusammenschluss aus Sozialisten, Kommunisten, radikalen Republikanern, ehemaligen Christdemokraten und anderen Linken, hatte ab 1970 Neuland beschritten: Auf die Nationalisierung des Kupferbergbaus und die Forcierung der Agrarreform folgten die Nationalisierung der Schlüsselindustrien, die Umverteilung zugunsten der bislang Benachteiligten und die Ausweitung der demokratischen Mitsprache für Arbeiter, Bauern und Studenten. Überall auf der Welt verfolgten Linke gespannt die Entwicklungen in Chile und schöpften daraus Hoffnung auf einen demokratischen Weg zum Sozialismus auch in ihren Ländern.

 

Nachdem die UP bei den Parlamentswahlen im März 1973 ihr Wahlergebnis deutlich verbessern konnte, entschloss sich die rechte Armeeführung mit Unterstützung der oppositionellen Christdemokraten und der CIA für einen Militärputsch gegen die Demokratie. Die Bundesregierung unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt war über Pläne der Junta unter Führung General Augusto Pinochets vorab informiert, unterließ es aber bewusst Allende zu warnen.

 

Nach dem 11. September 1973 war Chile ein anderes Land: In den 17 Jahren der Diktatur Augusto Pinochets verschwanden 3.200 Menschen oder wurden ermordet, 80.000 wurden inhaftiert, 200.000 flohen aus politischen Gründen ins Ausland, die Gewerkschaften wurden zerschlagen, jeder Widerstand brutal verfolgt. In diesem Klima blutiger Repression konnten die "Chicago-Boys" ab 1978 den ersten neoliberalen Feldversuch starten.

 

Zum Gedenken an die Opfer der Pinochet-Diktatur gehört auch, dass endlich das schmutzige Kapitel der bundesdeutschen Unterstützung des Regimes vollständig aufgearbeitet wird. Denn da war nicht nur Brandts Schweigen vor dem 11. September: Aus der Bundesrepublik erfuhr die Militärdiktatur umgehend politische Anerkennung und Unterstützung. Führende Unionspolitiker wie der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) äußerten sich überschwänglich positiv über das antikommunistische Regime und reisten regelmäßig nach Chile. In der Folge gedieh die wirtschaftliche und politische Kooperation der Bundesregierung mit dem Pinochet-Regime. Die Kenntnis von massenhafter Folter und der Ermordung Oppositioneller oder systematischen Menschenrechtsverletzungen in der deutschen Sektensiedlung "Colonia Dignidad", führte nicht zu Sanktionen oder öffentlicher Kritik, im Gegenteil: Mit Waffenlieferungen wurde die Junta aufgerüstet und belohnt. 

 

Angebracht wäre es daher, wenn die Bundesregierung den heutigen Jahrestag zum Anlass nähme sich endlich kritisch mit der deutschen Rolle beim faschistischen Militärputsch und der darauffolgenden 17jährigen Unterstützung der Pinochet-Diktatur auseinanderzusetzen. Auch eine offizielle Entschuldigung bei der chilenischen Regierung und den zahllosen Opfern ist mehr als angebracht.

Foto: James N. Wallace 
Quelle:https://commons.wikimedia.org/wiki/Salvador_Allende#/media/File:Allende_supporters.jpg

Schlosskirche Ellingen (Bayern), April 1945, Wikimedia Commons

"Wir brauchen ein solides Restitutionsgesetz auf Bundesebene!" (14.05.2025)

„Hunderttausende Kunstwerke wurden von den Nazis zwischen 1933 und 1945 geraubt und nur ein Bruchteil davon wurde bislang den früheren Besitzern zurückgegeben. Trotz aller Reden und Bekenntnisse zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und vielen Versprechungen war die Bundesrepublik bislang nicht in der Lage oder Willens, das NS-Unrecht im Hinblick auf die Kulturgüter angemessen und umfassend wiedergutzumachen. Bis heute wird jegliche grundlegende Reform der (Eigentums-) Rechtslage zugunsten der Opfer und ihrer Nachfahren vermieden, da dadurch die Interessen der Tausenden öffentlichen und privaten Besitzer von NS-Raubkunst tangiert und eine staatliche Entschädigungspflicht auf die Tagesordnung käme.

 

Leider hat die Ampel auch bei diesem Thema völlig versagt. Jetzt muss die Regierung Merz endlich der Verpflichtung nachkommen und 80 Jahre nach dem militärischen Sieg über den Faschismus das NS-Raubkunstproblem im Sinne der Opfer lösen. Es ist gut, dass Union und SPD in ihrer Koalitionsvereinbarung ein wirksames Restitutionsgesetz versprechen. Ein solides und umfassendes Restitutionsgesetz müsste klare Regeln für die Rückgabe und Entschädigung nationalsozialistischer Raubkunst enthalten und neben der Stärkung der Auskunftsrechte für die Betroffenen und der einseitigen Anrufbarkeit endlich die Hauptprobleme angehen: Sowohl die Verjährung als auch die sogenannte Ersitzung, also der ganz legale Erwerb der geraubten Kunstwerke nach einer bestimmten Besitzzeit müssen wie der ‚Erwerb im guten Glauben‘, den es bei NS-Raubgut generell nicht geben darf, kategorisch ausgeschlossen werden. 

Leider sind jedoch Zweifel mehr als angebracht, ob eine Unions-geführte Bundesregierung und ein Kulturstaatsminister Weimer dieser Aufgabe nachkommen werden. Denn die bisherigen Beschlüsse von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden zur Schiedsgerichtsbarkeit sind insbesondere auf Druck der Unions-geführten Bundesländer entstanden und ungenügend. Der Protest der Opferverbände und Nachfahren der Beraubten ist daher völlig verständlich. Anders als behauptet würden die Opfer durch die geplante Schiedsgerichtsbarkeit nämlich nicht gestärkt, sondern einem aufwendigen und komplizierten zivilrechtlichen Verfahren unterworfen. Bei diesem ist bis heute nicht absehbar, wann die Schiedspersonen für den Pool feststehen werden, inwieweit tatsächlich eine angemessene Berücksichtigung der Opfer und ihrer Nachfahren gewährleitet wird und wann überhaupt die Schiedsstelle ihre Arbeit aufnehmen könnte. Zudem ist überhaupt nicht einzusehen, dass die alleinige Anrufbarkeit bei privaten Haltern von Kulturgut, wie Galerien, Auktionshäuser, Unternehmen, Stiftungen etc. aber auch Privatpersonen nicht gelten soll. 

Der vereinbarte „Bewertungsrahmen“, der etliche zweifelhafte Formulierungen enthält und eher eine Verschlechterung für die Opfer bedeuten würde, muss dringend überarbeitet und eine öffentliche Debatte ermöglicht werden. Und solange nicht geklärt ist, wie das Verfahren funktionieren soll, wenn 10.000 Kommunen mit Kultureinrichtungen die NS-Raubgut besitzen, sich nicht zu den Schiedsverfahren bekannt haben, sind die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz Makulatur. 

Deshalb sollte der neue BKM schnellstmöglich dafür Sorge tragen, dass der Beschluss zur Auflösung der „Beratenden Kommission NS-Raubgut“ rückgängig und diese wieder arbeitsfähig gemacht werden, bis bei all den Fragen Klarheit herrscht und ein umfassendes Restitutionsgesetz vom Bundestag verabschiedet wurde.“

"Kultur drohen unsichere Zeiten" (12.05.2025)

Statement zur künftigen schwarz-roten Kulturpolitik

„Am interessantesten an den fünf Seiten zum Bereich „Kultur und Medien“ im Koalitionsvertrag ist wahrscheinlich, was darin alles keine Erwähnung findet. So enthält der Text im Vergleich zum Sondierungspapier von Ende März 2025 deutlich weniger Vorhaben und Schwerpunkte. Am auffälligsten ist hier sicherlich die Streichung der Forderung, Kultur zum „Staatsziel“ und damit zum Verfassungsgegenstand zu erklären. Dadurch wurde die Chance vertan, endlich politische und juristische Instrumente für eine Kulturpolitik auf Augenhöhe zu schaffen. Stattdessen heißt es nun: „Unser Land ist ein Kulturstaat, reich an Traditionen und Bräuchen, an Kunst, Architektur, Literatur und Musik, an Geschichte und religiöser Vielfalt — in Stadt und Land“. Eine Formulierung die vermutlich den Leitkultur-Propagandisten der Union entgegenkommt. Auch die Errichtung einer Bundesstiftung Industriekultur sowie die geplante Einsetzung einer Enquete-Kommission „Demokratiebewusstsein durch Erinnerung an Diktatur und Unrecht“ wurden abgesagt. Von vornherein fanden zahlreiche Aufgaben im Feld der Erinnerungspolitik, wie die überfällige Umsetzung der Bundestagsbeschlüsse vom Oktober 2020 zur Errichtung eines Dokumentationszentrums »Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa« (ZWBE) und eines »Deutsch-Polnischen-Haus« (DPH) keinen Eingang in den Vertrag. Auch zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen gegen „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ oder über Vorhaben zur Erinnerung an die Opfer der NS-„Euthanasie“ wird kein Wort verloren. Dagegen wurde der „Förderung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen“ eigens ein kurzes Kapitel gewidmet. Immerhin werden die Erinnerung und Aufarbeitung von Nationalsozialismus, „SED-Diktatur“ und Kolonialismus in einem kurzen Absatz und mit dem Bekenntnis, die Gedenkstättenkonzeption des Bundes „wissenschaftsgeleitet und im Austausch mit den Akteuren“ anzupassen, abgehandelt. Wie aber beispielsweise die „Aufarbeitung des Kolonialismus intensiviert“ werden soll, wird nicht weiter erläutert. Positiv ist das Bekenntnis zur Intensivierung der Provenienzforschung und die Ankündigung eines wirksamen Restitutionsgesetzes. Aber auch hier fehlen alle Details, so dass man abwarten muss, wie die Umsetzung aussehen wird.

 

Ebenfalls viel zu unkonkret wirkt die Ankündigung, „Mindestgagen und Honoraruntergrenzen berücksichtigen“ zu wollen. Völlig unerwähnt ist die Rolle von Kulturakteur*innen, Initiativen und zivilgesellschaftlichen Akteuren in Entscheidungsprozessen. Auch Programme für alle, allen voran einkommensschwache Gruppen, die die kulturelle Teilhabe und Bildung sichern, sucht man – bis auf den ländlichen Raum - weitestgehend vergeblich. Vergleichsweise klar sind einige Teile im Medienkapitel, in dem z.B. versprochen wird „Kulturschutzgebiete“ einzurichten, in denen Bestandsschutz gilt und Clubs als Kulturorte durch die Baunutzungsverordnung anerkannt werden sollen. Das Bekenntnis, die Reform der Filmförderung mit den ausstehenden Säulen (steuerliches Anreizsystem und Investitionsverpflichtung) weiterzuführen, ebenso wie die angekündigte verlässliche Investitionsförderung für Kinos sind positiv. Bedenklich ist allerdings, dass die kulturelle Förderung aus Bundesmitteln und ihre notwendige Stärkung im Rahmen der Gesamtreform mit keinem Wort erwähnt wird.

 

Den Koalitionsvertrag durchzieht zudem ein affirmativer Kulturbegriff, der nicht einmal das Bestehende sichert: Etablierte Strukturen werden zwar formal bestätigt, deren mittel- und langfristige Finanzierung und Förderung bleibt jedoch vage. Union und SPD folgen im Kern der neoliberalen Agenda der Einteilung in einen Bereich der politisch nützlichen Staatskultur und dem kulturellen Markt, der sich durch „Kultur-Sponsoring, Mäzenatentum, private Stiftungen und Wirtschaftskooperationen“ finanzieren soll. So wird der gesamte Koalitionsvertrag stark von den Ideen Effizienzsteigerung, Digitalisierung und Public-Private-Partnerships durchzogen. Eine Kulturpolitik, die künstlerisches und kulturelles Schaffen Marktgesetzen unterwirft und zur Ware degradiert, steht jedoch im Widerspruch zur betonten Gesellschaftsrelevanz von Kultur und zur Freiheit der Kunst.

 

Dazu passt, dass das sowieso schmale Budget von 2,2 Mrd. Euro explizit durch den Finanzierungsvorbehalt in Frage gestellt wird. Was damit gemeint sein könnte, dass „die Bundeskulturpolitik […] im kooperativen Kulturföderalismus mehr als eine Ergänzung der Kulturhoheit der Länder [ist]", wird somit leider nicht deutlich.

 

So nichtssagend wie der Koalitionsvertrag in weiten Teilen ist, so sehr muss man davon ausgehen, dass gerade die Personalie Wolfram Weimer als neuer Kulturstaatsminister von entscheidender Bedeutung sein wird. Denn wofür der erzkonservative Journalist, Buchautor und Medienverleger politisch steht, hat er nie einen Zweifel gelassen. In seinem Buch „Das konservative Manifest“ hielt er 2018 Familie und Christentum hoch, seine Sorge galt der „Fortdauer des eigenen Bluts“ sowie der „biologischen Selbstaufgabe“ Europas.

 

Die Ernennung von Weimer zeigt zweierlei: Erstens geht es Friedrich Merz offensichtlich nicht um Qualifikation und Erfahrung, denn beides besitzt Weimer im Kulturbereich nicht. Stattdessen dürfte mit ihm die Wirtschaftsförderung im Medienbereich zunehmen. Zweitens drohen mit diesem Kulturstaatsminister und seinem reaktionären Kulturverständnis und Gesellschaftsbild alle schön klingenden Sätze im Koalitionsvertrag, zur "Förderung der Vielfalt der Kultur" und zur "Freiheit der Kunst", zur Makulatur zu werden. Denn seine Ernennung erfolgt ganz im Geist des CDU-Wahlprogramms und den Ideen einer deutschen Leitkultur. Weimer verheißt eine Trumpisierung der deutschen Kulturpolitik und zu befürchten ist, dass der seit Jahren von rechts forcierte Kulturkampf mit ihm weiter eskalieren und es zu einem erinnerungspolitischen Rollback kommen wird.

 

Jenseits von absehbaren Sparmaßnahmen drohen der Kultur hierzulande somit unsichere und schwere Zeiten.“

 

Ein Foto vom Inneren einer als Theaterbühne umgestalteten Industriehalle, ein großer modellierter Puppenkopf im Vordergrund.

„Alle Kunst ist 
Widerstand, 
alle Poesie ist 
politisch.“ 
- Yevgeniy Breyger 

grafischer Text "Kultur ins Grundgesetz"

Linke Politik

 

richtet sich an all jene Menschen, die vergessen oder verdrängt worden sind. Linke Politik richtet sich an all jene, die aus ihrer sozialen 

Abhängigkeit heraus kaum die Möglichkeit haben, an ihrer Situation etwas zu verändern. 

Linke Politik

 

richtet sich an alle, die nicht gehört werden, deren 

Stimmen untergehen im Meinungskampf. Linke Politik ist Solidarität, ist Gerechtig-keit, ist Chancengleichheit.

Linke Politik

 

wird nicht aufhören, all jene anzuklagen, die rücksichtslos und auf Kosten ihrer Mitmenschen und unserer Umwelt ungebremst nach maximalen Profit streben. All jene, die trotz globaler Krisen jeden Tag noch ein Stück reicher und reicher werden. Jene, die es sich leisten können auf Politikerinnen und Politiker Einfluss zu üben, um Gesetze nach ihrem Willen durchzusetzen.

Linke Politik

 

richtet sich auch gegen jene, die meinen ihre Freiheit stünde meilenweit über der Freiheit aller anderen: gegen Rassismus, gegen Faschismus, gegen Ausgrenzung und nationalistisches Denken.

Linke Politik

 

richtet sich an alle, die sich für Offenheit und Toleranz, für unser Klima – gesellschaftlich wie ökologisch -, für Solidarität und Mitmenschlichkeit einsetzen und dafür bereit sind auf die Straße zu gehen. 




Kulturpolitische Positionen

Um die Kulturlandschaft in unserem Land nachhaltig zu schützen und zu fördern, braucht es nicht nur zwingend strukturelle, finanzielle und personelle Verbesserungen. Es braucht auch die politische Wahrnehmung und Wertschätzung für all jene, die als Künstler*innen und Kulturschaffende in unserem Land mit aller Leidenschaft, Power, sich mit Leib und Seele für ein buntes, vielfältiges und kulturvolles Leben einsetzend, tagtäglich Kinder zum Lachen, Erwachsene zum Staunen und somit die Menschen zueinander bringen. Und ich sag es einmal ganz simpel: um z.B. Theater zu machen, braucht es mindestens zwei: einer, der spielt und einer, der zuschaut … Kunst und Kultur beleben ihre Umgebung, machen Standorte attraktiv, steigern das gesellschaftliche Lebensgefühl. 

Ohne Kunst würde es still. 

#Kultur ins Grundgesetz 

Kooperativer Kulturföderalismus statt Kooperationsverbot. Ich setze mich dafür ein, dass die Förderung und der Schutz von Kunst und Kultur als Staatsziel grundgesetzlich verankert wird und zur Gemeinschaftsaufgabe wird.

#Kulturelle Teilhabe 

Jedem Kind, jedem Jugendlichen, jedem Erwachsen muss die Möglichkeit  gegeben sein, unabhängig vom Geldbeutel und vom Wohnort, gleichberechtigt an allen Formen von Kulturangeboten und Kulturleben, ob aktiv oder passiv, teilhaben zu können. 

#Grundabsicherung 

Die sozialen und gesellschaftlich genormten Standards finden sich in der Grundabsicherung für unstetig Beschäftigte, Freischaffende und Soloselbständige nicht annähernd wieder. Deshalb fordern wir die Einbeziehung aller in die gesetzlichen Sozialsicherungssysteme (Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosen-versicherung). 

#Gleichberechtigung 

Die Entlohnung im Kulturbereich darf nicht aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, der Klasse oder Hautfarbe unterschiedlich ausfallen. 

#Arbeitsbedingungen und Stärkung der 
Interessens-vertretungen  

Ob Freischaffender, ob Soloselbstständiger, oder Festangestellte: die Arbeits-bedingungen sind für viele prekär. Ob Schauspieler*innen, Musikschullehrer*innen, Schriftsteller*innen oder Fotograf*in … Ich stehe mit voller Solidarität an der Seite von Gewerkschaften, Interessen-vertretungen und Vereinen, um ihnen Gehör zu verschaffen und um die Arbeitsbedingungen langfristig und den allgemeinen sozialen Standards angepasst deutlich zu verbessern. Kulturbetriebe dürfen durchaus attraktive Arbeitgeber sein ;). 

#Bundes-
ministerium für Kultur 
 

Bisher ist die Kulturpolitik auf Bundesebene dem Kanzleramt zugeordnet und hat somit keinen eigenen Vertreter auf Minister-Ebene am Kabinettstisch der Bundesregierung. Um jedoch wirksamer für die Belange der Kultur gegenüber anderen Ressorts sowie auf europäischer Ebene einzutreten und streiten zu können, braucht es ein Bundeskulturministerium. 

#Kulturförderung 

 

Die Bundeskulturförderung muss nachhaltiger, prozesshafter, unbürokratischer und weniger projektorientiert gestaltet werden. Insbesondere im ländlichen Raum braucht es neben der Projektförderung langfristige Basisförder-programme, um nachhaltig Strukturen zu erhalten und die kontinuierliche Arbeit der Kulturschaffenden und Vereine zu sichern. 

#Kampf gegen Rechts
 
 

Unsere bunte, internationale und für Offenheit und Toleranz eintretende Kulturlandschaft muss vor rechten Attacken wirkungsvoll geschützt werden. Auch muss der von der AfD künstlich herbeigezüchtete „Kulturkampf“ mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. 

#Anti-Diskriminierung 
 

Jeglicher Art von Diskriminierung im Kulturbereich sollte vorgebeugt und Betroffene umfassend geschützt werden. Der Grat zwischen Befindlichkeit und echter Verletzung ist schmal, schon allein, weil Diskriminierung selbst oft Gegenstand künstlerischer Auseinander-setzung ist. Es braucht hierfür ausreichend finanzierte und öffentlich geförderte Anlaufstellen mit psychologisch geschultem Personal. 

#Kultur im ländlichen Raum 

Die Kommunen müssen ausreichend Mittel erhalten, damit sie ihren Aufgaben in der Kulturpflege und Kultur-förderung nachkommen können. 

#Strukturwandel in Kulturbetrieben 

Es braucht der Gegenwart angepasste aber ausbalancierte Strukturen in den Kulturbetrieben: z.B. das Leitungskollektiv-Modell, mehr Mitbestimmungsrecht der Ensembles, mehr Transparenz in der Vergabe von Leitungsposten. Möglichem Machtmissbrauch muss auch auf diesem Wege begegnet werden. Es braucht wirksame Instrumente, um strukturelle Probleme aufzudecken und zu minimieren. 

#Kulturelle Bildung 
 

Kulturelle Bildung schafft Zugänge zu Kunst und Kultur, um Menschen eine kreative Auseinandersetzung mit sich und ihrer Umgebung zu ermöglichen. Orte kultureller Bildung dienen deshalb als Räume der Selbstbildung, der Selbst-ermächtigung und müssen gestärkt sowie nachhaltig gefördert werden. 

#Sozio-Kultur  

Sozio-kulturelle Vereine sind insbesondere im ländlichen Raum von großer Bedeutung. Sie verbinden Kreativität mit sozialem Miteinander und stärken somit das Gemeinwesen. Sie müssen durch die Kommunen ausreichend und langfristig erhalten, geschützt sowie gefördert werden. 

#Theater  

Theater müssen als Arbeitgeber attraktiver werden: Stetiger Abbau von Personal, Erhöhung der Produktionsdichten, Auslastungsdruck, schlechte Bezahlung, Arbeitszeiten, Residenzpflicht und wenig Mitbestimmungsrechte führen in die falsche Richtung. An der Seite von GdBA und ensemble.netzwerk müssen wir für faire Arbeitsbedingungen und eine quotenbedingte Entlastung der Theaterbetriebe sorgen. 

#Bibliotheken 

Jede geschlossene Bibliothek ist ein herber und nicht hinnehmbarer Verlust. Gerade im ländlichen Raum brauchen wir gut ausgestattete und dem digitalen Zeitalter angepasste Bibliotheken. 

#Bildende Kunst  

Es braucht verbindliche Mindeststandards der Honorierung in der freien Kunst- und Kulturarbeit, branchenspezifische Honoraruntergrenzen und eine rechtlich abgesicherte Ausstellungsvergütung für bildende Künstler*innen. Die Verhandlungsposition von Kreativen muss im Urhebervertragsrecht gestärkt und ihre Mitbestimmungsrechte müssen gegenüber Verwertungsgesellschaften ausgebaut werden. 

#Musik 

Clubkultur ist ein wichtiger und wertvoller Teil unserer Kultur, Freiräume, in denen Menschen Musik genießen, tanzen und feiern können. Deshalb wollen wir die Club- und Festivalkultur fördern und erhalten. 

#Freie Szene 

Für viele freie Kulturschaffende ist die Zeit, die sie mit dem Ausfüllen von Anträgen verbringen oder allein schon die Zeit, die es braucht um im Förderdschungel und seinen Richtlinien durchzublicken, Zeit, die ihnen für die Kulturarbeit fehlt. Hier bedarf es einer grundsätzlichen Vereinfachung und Flexibilisierung, damit das Zwei-Klassen-Prinzip zwischen projektorientierter und institutionalisierter Förderung beendet werden kann. Freie Szene und Kulturinstitutionen dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. 

#Klima und Kultur 

Bei der Anpassung an klimaneutrale Anforderungen brauchen Kulturbetriebe Beratung, Unterstützung und finanzielle Unterstützung. Auch hier müssen klimafreundliche Veränderungen Einzug halten. 

#Vereins-Kultur 

Ob Heimat- oder Sportverein – Kultur hört nicht beim geschriebenen, gesprochenen oder gesungenen Wort auf. Kultur ist die Pflege des Miteinanders und deshalb braucht das Vereinsleben die nötige Ausstattung und eine langfristige Sicherung. Für das Leben im ländlichen Raum sind sie unabdingbar. 

#Genossenschaftlich getragene Theater 

Der Förderung von genossenschaftlich organisierten Kulturbetrieben sollte als zukünftiges Modell insbesondere für den ländlichen Raum weiter gedacht und ausgebaut werden. 

#Verdammt, ich habe bestimmt etwas vergessen

Kultur ist so unendlich vielseitig. Sprecht mich gerne an, wenn etwas fehlt, wenn ihr Fragen habt ... 

“Künstler und Wissenschaftler leben eigentlich von jeher, was ihre Arbeit betrifft, im Kommunismus. Oder wollen Sie behaupten, Rembrandt und Dürer, Einstein und Marx hätten ihre Arbeit als Fessel empfunden? Nein ... Sie bildeten darin lediglich die Ausnahme. Später, davon bin ich überzeugt, wird im übertragenen Sinne jeder Mensch einmal ein Künstler oder Forscher sein. Und als Begriff wird Arbeit etwa diese Bedeutung erhalten: Spiel zum Wohle der Gesellschaft. Kunst ist heute schon ein solches Spiel. Könnten wir uns darauf einigen."

- aus "Spur der Steine", Erik Neutsch

 

 

Kunst und Kultur sind für mich mehr als nur Theater, Musik und Malerei, mehr als Architektur, als Literatur, mehr als Zirkus, Kunsthandwerk und Musical, mehr als Tanz und Puppenspiel, mehr als Fotografie, als Ästhetik, Shakespeare und Schiller, als Film und Schaustellertum, als Poesie, Comics, Synchronsprechen, Pantomime …

 Kunst und Kultur verbinden für mich das Fremde mit dem Bekannten. Sie zeigen uns, wer wir sind, wer wir sein könnten, wer wir nicht sein wollen. Kunst und Kultur sind für mich Ausdruck eines Traums und sein Zerbrechen an der Wirklichkeit. Dadurch werden Kunst und Kultur zum Gradmesser unserer Gegenwart. Gleichzeitig lassen Kunst und Kultur die Zeit für einen Moment stillstehen, lassen uns innehalten. Sie entlassen uns für einen Moment von den Nützlichkeitsanforderung unseres Alltags. Kunst und Kultur sprechen so viele Sprachen, haben so vielen Gesichter, sind bunt und voll von Geschichten. Geschichten, die die Menschen verbinden, die unsere Erfahrungen und unsere Kritik an den Verhältnissen kollektiv teilbar werden lassen. Kunst und Kultur aktivieren und laden zum Mitmachen und zum Teilhaben ein.

Hier werden alle ausgequetscht wie Zitronen, sagt Hubert Eckart von der Theatertechnischen Gesellschaft in der FAZ. Und ich bemerkte über die Berufsjahre am Theater, wie aus Worten Hülsen wurden, künstlerische Inhalte zu Hüllen verkümmerten. Hieß es doch plötzlich, Theater müsse gesellschaftsrelevant sein. Aber Kunst ist gesellschaftsrelevant, das muss man doch nicht betonen. Doch man musste es, weil Inhalte allein nicht mehr ausreichten, Publikum zu generieren. Aus einer gewissen Verzweiflung heraus beschrieb ein befreundeter Kollege es einmal so: im Publikum herrscht die Trägheit der Herzen. Anpassung an eine neue Zeit bedeutete also, gesellschaftliche Relevanz plakativ zu behaupteten, um die eigene Position zu legitimieren. Es veränderten sich die Verhältnisse in kürzester Zeit, die Ausgangsgründe Kunst zu schaffen, die Mentalität: Theater musste sich verkaufen. Quoten mussten erfüllt werden. Das führte zu erheblichem Stress innerhalb der Häuser, die doch frei sein, die Kritik an der herrschenden Verhältnissen leisten sollten. Diese Diskrepanz zwischen vernachlässigten Inhalten und dem reinen aus wirtschaftlicher Not heraus geborenem Performen von Relevanz führte mir schmerzlich vor Augen, wie stark sich eine neoliberale Ideologie in Herz und Verstand unserer Gesellschaft eingenistet haben. Und es wurde konkret, Personal wurde abgebaut, Produktionsdichten erhöht. Die Nachfrage an begehrten Stellen wuchs über die tatsächlichen Angebote. Die Abhängigkeiten von künstlerisch Beschäftigten führte vermehrt zu Machtmissbrauch, zu einer miserablen und die sozialen Standards der Gegenwart völlig unterbietenden Bezahlung und über allem schwebt die Angst vor der Nicht-Verlängerung. Angesichts inhaltlicher Leerstellen, wird das ausbeuterische Konstrukt spürbar. Das, was auf der Bühne gepredigt wird, wird Bigotterie, wenn die kritisierten Verhältnisse hinter der Bühne Alltag geworden sind. 

Foto: Klaus Czernitzki

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